Ungekürztes Werk "Galgenlieder" von Christian Morgenstern (Seite 19)

sich zur Freiheit klärte.

III

Korf geht mitten durch die Wachen,

die ihn pflichtbeflissen greifen,

doch sie greifen in die Leere.

Und sie stoßen die Gewehre

hin und her durch ihn, doch heiter

wandert er zu Palmström weiter.

IV

Mit dem Wärter, der das Essen

bringt, betritt er die Kamurke,

drin sein Freund, der Schurke Palmström,

  haust.

Stotternd, stolpernd, stürzt der Wächter

fort und fabuliert von Geistern,

die er nicht zu meistern wisse ...

  Man

kommt in corpore gelaufen ...

Alle werfen sich auf Korfen – –

Doch umsonst geworfen! Korf ist –

  Geist ...

V

Es ist unmöglich, Palmström zu behalten

(obwohl er selbst am liebsten bleiben möchte);

denn Korfs Erscheinung ist nicht auszuschalten.

In zwölf Gefängnissen ist Palm gewesen ...

Doch haben überall so Direktoren

wie Untergebene den Verstand verloren.

So daß man ihn mit aufgehobnen Händen

zuletzt beschwört, sich heimwärts zu entschließen,

und ihm erlaubt, niemanden totzuschießen.

Professor Palmström

Irgendwo im Lande gibt es meist

einen Staat, von dem, was sich an Geist

irgendwo befindet und erweist,

doch noch nirgendwo Professor heißt,

eben zum Professor wird gemacht,

wie von wem, der unaufhörlich wacht,

ob auch jeder Seele wird gedacht,

die der Menschheit Glück und Heil gebracht.

Solch ein Staat und solch ein Fürst, o denkt,

hat auch Palmströms Los zum Licht gelenkt,

hat ihm den Professorrang geschenkt

und das Kreuz für Kunst ihm umgehenkt.

Palmström gibt das Kreuz für Kunst zurück;

denn er trägt kein solches Kleidungsstück.

Den Professor nicht, denn man versteht:

als Professor gilt erst ein Prophet.

Das Polizeipferd

Palmström führt ein Polizeipferd vor.

Dieses wackelt mehrmals mit dem Ohr

und berechnet den ertappten Tropf

logarhythmisch und auf Spitz und Knopf.

Niemand wagt von nun an einen Streich:

denn der Gaul berechnet ihn sogleich.

Offensichtlich wächst im ganzen Land

menschliche Gesittung und Verstand.

Venus-Palmström-Anadyomene

Palmström wünscht sich manchmal aufzulösen,

wie ein Salz in einem Glase Wasser,

so nach Sonnenuntergang besonders.

Möchte ruhen so bis Sonnenaufgang

und dann wieder aus dem Wasser steigen –

Venus-Palmström-Anadyomene …

Gleichnis

Palmström schwankt als wie ein Zweig im Wind…

Als ihn Korf befrägt, warum er schwanke,

meint er: weil ein lieblicher Gedanke,

wie ein Vogel, zärtlich und geschwind,

auf ein kleines ihn belastet habe –

schwanke er als wie ein Zweig im Wind,

schwingend noch von der willkommnen Gabe …

Spekulativ

Palmström sieht die Dinge gern im Spiegel,

und zumal ergötzt ihn das Gewölke

leichten Dampfs in dem kristallnen Grunde.

Und ihm schwant davor von Majas flügel-

hafter Art, und vor dem Schalk der Schälke

löst sich Welt zum – Atem eines – Mundes – – –.

Der Träumer

Palmström stellt ein Bündel Kerzen

auf des Nachttischs Marmorplatte

und verfolgt es beim Zerschmelzen.

Seltsam formt es ein Gebirge

aus herabgefloßner Lava,

bildet Zotteln, Zungen, Schnecken.

Schwankend über dem Gerinne

stehn die Dochte mit den Flammen

gleichwie goldene Zypressen.

Auf den weißen Märchenfelsen

schaut des Träumers Auge Scharen

unverzagter Sonnenpilger.

Palmström lobt

Palmström lobt das schlechte Wetter sehr,

denn dann ist auf Erden viel mehr Ruhe;

ganz von selbst beschränkt sich das Getue,

und der Mensch geht würdiger einher.

Schon allein des Schirmes kleiner Himmel

wirkt symbolisch auf des Menschen Kern,

denn der wirkliche ist dem Gewimmel,

ach nicht ihm nur, leider noch recht fern.

Durch die Gassen oder im Gefilde

wandert Palmström, wenn die Wolke fällt,

und erfreut sich an dem Menschenbilde,

das sich kosmo-logischer verhält.

Die beiden Feste

Korf und Palmström geben je ein Fest.

Dieser lädt die ganze Welt zu Gaste:

doch allein zum Zwecke, daß sie – faste!

einen Tag lang sich mit nichts belaste!

Und ein – Antihungersnotfonds ist der Rest.

Korf hingegen wandert zu den Armen,

zu den Krüppeln und den leider Schlimmen

und versucht

Seiten