Ungekürztes Werk "Galgenlieder" von Christian Morgenstern (Seite 20)
sie alle so zu stimmen,
daß sie einen Tag lang nicht ergrimmen,
daß in ihnen anhebt aufzuglimmen
ein jedweden ›Feind‹ umfassendes – Erbarmen.
Beide lassen so die Menschen schenken
statt genießen, und sie meinen: freuen
könnten Wesen (die nun einmal – denken)
sich allein an solchen gänzlich neuen
Festen.
Zu guter Letzt
Palmström hört von reichen Leuten,
die das Geld, das sie erbeuten,
teils in kalten fremden Schergen,
teils in eignen Schränken bergen.
Er ist fern von solchem Sinn:
Was er hat, das gibt er hin ...
Palmström, um dem Friedenswerk zu dienen,
lehrt verkehrte Geographie ...
Palmström sagt sich: Überall ist Liebe!
Und er ist von Herzen froh ...
Palma Kunkel
Muhme Kunkel
Palma Kunkel ist mit Palm verwandt,
doch im übrigen sonst nicht bekannt.
Und sie wünscht auch nicht bekannt zu sein,
lebt am liebsten ganz für sich allein.
Über Muhme Palma Kunkel drum
bleibt auch der Chronist vollkommen stumm.
Nur wo selbst sie aus dem Dunkel tritt,
teilt er dies ihr Treten treulich mit.
Doch sie trat bis jetzt noch nicht ans Licht,
und sie will es auch in Zukunft nicht.
Schon, daß hier ihr Name lautbar ward,
widerspricht vollkommen ihrer Art.
Exlibris
Ein Anonymus aus Tibris
sendet Palman ein Exlibris.
Auf demselben sieht man nichts
als den weißen Schein des Lichts.
Nicht ein Strichlein ist vorhanden.
Palma fühlt sich warm verstanden.
Und sie klebt die Blättlein rein
allenthalben dankbar ein.
Wort-Kunst
Palma Kunkel spricht auch. O gewiß.
Freilich nicht wie Volk der Finsternis.
Nicht von Worten kollernd wie ein Bronnen,
niemals nachwärts-, immer vorbesonnen.
Völlig fremd den hilflos vielen Schällen,
fragt sie nur in wirklich großen Fällen.
Fragt den Zwergen niemals, nur den Riesen,
und auch nicht, wie es ihm gehe, diesen.
Nicht vom Wetter spricht sie, nicht vom Schneider,
höchstens von den Grundproblemen beider.
Und so bleibt sie jung und unverbraucht,
weil ihr Odem nicht wie Dunst verraucht.
Palma Kunkel naht die Frage ...
Palma Kunkel naht die Frage,
was zum Kriegsproblem sie sage.
Längst im Innersten entschieden
wünscht sie allen Menschen Frieden.
(Zwar zum Unterschied von vielen
freilich nur: mit großen Zielen.)
Doch sie weiß zugleich: auf Erden
sind die Menschen erst im Werden.
Ringsum ungeheure Horden
wollen noch das große Morden,
sind noch ganz durchleidenschaftet,
noch vom Geist zu schwach durchkraftet,
müssen erst noch lange reifen,
eh sie Gott und sich begreifen.
Palmas Mutter
Palmas Mutter sprach einst still und schlicht:
»Nahst du Fraun, vergiß der Geißel nicht.«
Und der Philosoph, vom Weib gequält,
hat der Welt dies bitteren Munds erzählt.
Doch, man muß ein altes Weib verstehn:
»Nimm das Ding mit!« (sprach sie). »Doch – für wen?
Für die Frauen, meinst du. Immerhin
birgt mein Rat noch einen zweiten Sinn.
Hängst du dieser zweiten Wahrheit nach,
wird dir tiefer aufgehn, was ich sprach.«
Palmas Mutter, manchem zum Verdruß,
gab nie einen Rat, der keine Nuß.
Der Neffe
Palma Kunkel, vorbesungen schon,
hat, erfährt man, einen Brudersohn.
Dieser sucht, ihr scheinbar Gegenteil,
mitten im Gewühl sein Heil.
Neffe Kunkel, zubetitelt Klaus,
ist, wie man so sagt, ein Feuerbraus.
Wenn sein Herz er einer Seele lieh,
gleicht kein Kohlhaas ihm an Energie.
Korf und Palmström gehn dem jungen Mann
mannigfältig beispielvoll voran;
doch er ist, das wird bald jedem klar,
beispiellos und unberechenbar.
Seine Mutter, eine Frau aus Ulm,
nannte ihn, auf Tantes Vorschlag: Kulm.
Und fürwahr, ein Gipfel, ein Extrem
tritt mit ihm ans Licht, höchst unbequem ...
Das Forsthaus
I
Palma Kunkel ist häufig zum Kuraufenthalt
in einem einsamen Forsthaus weit hinten im Wald,
von wo ein Brief so befördert wird,
daß ihn, wer gerade Zeit hat, ein Knecht oder Hirt
dem Wild des angrenzenden Jagdrevieres
um Hals oder