Ungekürztes Werk "Galgenlieder" von Christian Morgenstern (Seite 21)

Bein hängt … worauf in des Tieres

erfolgender Schußzeit er, wenn auch oft spät,

auf ein Postamt und von dort an seine Adresse gerät.

So das Wild wie die Nachbarn sind stolz auf die Ehre,

und man weiß keinen Fall, daß ein Brief je verloren gegangen wäre.

II

Zehn Jahre später

Dies war so geschrieben vor manch einem Jahr.

Doch heute, da ist es in s o fern nicht mehr wahr,

als – zuerst wars ein Kauz, der drauf kam,

die Sache dahin in Erwägung er nahm:

daß, wenn man direkt die postalische Bürde

besorgte, der Abschuß erspart bleiben würde.

Er ist damals gleich nach dem Postamt geflogen

und wurde als ›Brief-Kauz‹ auf einem großen Bogen

vermerkt und der Hirsch und der Has hinterher,

und schließlich waren die Jagdgründe leer:

Denn natürlich hatte das ganze Wild nun

nur noch zwischen Forsthaus und zu tun,

und kam es dabei auch durchs alte Revier,

war es jetzt dort als ›Brief-Wild‹ geschütztes Getier.

Der Papagei

Palma Kunkels Papagei

spekuliert nicht auf Applaus;

niemals, was auch immer sei,

spricht er seine Wörter aus.

Deren Zahl ist ohne Zahl:

denn er ist das klügste Tier,

das man je zum Kauf empfahl,

und der Zucht vollkommne Zier.

Doch indem er streng dich mißt,

scheint sein Zungenglied verdorrt.

Gleichviel, wer du immer bist,

er verrät dir nicht ein Wort.

›Lore‹

›Wie heißt der Papagei?‹ wird mancher fragen.

Doch nie wird jemand jemandem dies sagen.

Er ward einmal mit ›Lore‹ angesprochen –

und fiel darauf in Wehmut viele Wochen.

Er ward erst wieder voll und ganz gesund

durch einen Freund: Fritz Kunkels jungen Hund.

Lorus

Fritz Kunkels Pudel ward, noch ungetauft,

von einem Stiefmilchbruder Korfs gekauft.

Es trieb ihn, als er, hilfreich von Natur,

der sogenannten ›Lore‹ Leid erfuhr,

sogleich zu ihr: worauf er, der nicht hieß,

sich ihr zum Troste Lorus taufen ließ:

den Namen also gleichsam auf sich nehmend –

und alle Welt durch diese Tat beschämend!

Korf selbst vollzog den Taufakt unverweilt.

Der Vogel aber war fortan geheilt.

Der Kater

Lorus, im Verlaufe seines Strebens,

trifft den ersten Kater seines Lebens.

Dieser krümmt, traditionellerweis,

seinen Rücken fürchterlich zum Kreis.

Lorus spricht mit unerschrockner Zärte:

»Pax vobiscum, freundlicher Gefährte!«

Gegensätze

Zäzilie wird von ›Lore‹ nicht geliebt,

was manchen ernsten Zwischenfall ergibt.

Denn diese spürt in Gegenwart der Dirne

zu stark den krassen Gegensatz der Hirne.

Man trifft vielleicht das Rechte, wenn man sagt:

Das ganze Leben dieser guten Magd

mag kaum so viel in puncto Scharfsinn taugen

als Ein Kalkül aus ›Lores‹ grauen Augen.

Doch Lorus ist Zäzilien wohlgesinnt.

Er tröstet insgeheim das arme Kind

und wischt zuweilen, ihr zur Kräfteschonung,

mit seinem Wedel Staub in Palmströms Wohnung.

Der Bart

Lorus, anerkannt als Phänomen,

soll durchaus als Polizeihund gehn.

Lange überlegt er hin und her,

denn der Fall ist ungewöhnlich schwer.

Gerne will sein Herz den Menschen dienen,

doch der Böse zählt wohl auch zu ihnen.

Und er ist, obschon ein Hund mit Bart,

doch kein Richter über Menschenart.

Schließlich, sich mit keinem zu verqueren,

läßt er sich den Bart von Palmström scheren –

und erlaubt sich, ihn zu gleichen Enden

diesen sowie jenen zuzuwenden.

Bartlos geht er so, doch kaum als Tor

aus dem schwierigen Konflikt hervor.

Der Droschkengaul

Ich bin zwar nur ein Droschkengaul, –

doch philosophisch regsam;

der Freß-Sack hängt mir kaum ums Maul,

so werd ich überlegsam.

Ich schwenk ihn her, ich schwenk ihn hin,

und bei dem trauten Schwenken

geht mir so manches durch den Sinn,

woran nur Weise denken.

Ich bin zwar nur ein Droschkengaul, –

doch sann ich oft voll Sorgen,

wie ich den Hafer brächt ins

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