Ungekürztes Werk "Galgenlieder" von Christian Morgenstern (Seite 17)

schieben, was seiner Frau im Wege.

Und es ist ihr viel im Wege, der Frau.

Ganz unmöglich wäre, zu sagen genau,

was von Mücke bis Mammut gewissermaßen

ihr mißfällt. Man findet da ganze Straßen,

ganze Städte voll Menschen, man findet Gärten,

Flüsse, Berge neben Perücken, Bärten,

Stöcken, Tellern, Kleidern; mit einem Worte:

eine Welt versammelt sich an gedachtem Orte.

v. Korf mißfällt und wird von dem frommen

Riesengatten still in den Mund genommen.

Und nur, weil er ein ›Geist‹, wie schon beschrieben,

ist er nicht in diesem Gelaß verblieben.

Korf erfindet eine Art von Witzen –

Korf erfindet eine Art von Witzen,

die erst viele Stunden später wirken.

Jeder hört sie an mit Langerweile.

Doch als hätt ein Zunder still geglommen,

wird man nachts im Bette plötzlich munter,

selig lächelnd wie ein satter Säugling.

Die Windhosen

Beim Windhosenschneider Amorf

erstehen sich Palmström und Korf

zwei Windbeinkleider aus best-

empfohlenem Nordnordwest.

So angetan wirbeln sie quer

und kreuz über Festland und Meer

und fassen die Schurken beim Schopf

und lassen die Guten beim Topf.

Der Wetterwart schaut sie und stutzt:

Zum ersten Mal sieht er verdutzt,

was sonst rein phänomenal,

im Dienst einer klaren Moral.

Die Windsbraut

Bei diesem Wirbel über Land und See

hat Korf zum ersten Mal das Weib erschaut,

nach dem er oft gespäht in Luv und Lee

als wie nach einer sehr erwünschten Braut.

Doch ach, sie war die Braut bereits des Winds, –

die ›Windsbraut‹ wars, die seine Ruh gestört,

er hat es aus dem Mund des schönen Kinds,

daß sie des Winds Gespiel sei, selbst gehört.

v. Korf begibt sich stumm nach seinem Giebel.

Er ist des Götterspielens schmerzlich müde

und widmet seine Wind-Inexpressibles

dem Freund und sich erneuter Solitüde.

Die Gabe

Palmström, dem die Sache gleichfalls leid ist,

ist die Gabe keineswegs zu Dank.

Erstens, weil für seinen Schrank

das Gehöse viel zu weit ist.

Zweitens … usw. Schließlich, endlich

schreibt er seinem vorgesetzten Staat:

»Werter Herr! In summa: Eine Tat

soll geschehen! Gratis selbstverständlich!«

Und er bietet ihm die Wetterhosen

um den Preis des ewigen Friedens an.

Nämlich sagt, wie niemand fürder kann

wider den Besitzer sich erbosen.

»Niemand greift Sie an sotanen Falles.

Bauet drum den Hosen einen Turm!

Einen ›Palmströmturm‹, und das ist alles.

Hier in Ihren Händen ruht der Sturm.«

Palmström fühlt sich reiner Tränen Beute.

Endlich, glaubt er, sei die Welt befreit.

Und ihm träumt von einer neuen Zeit …

Doch auf Antwort wartet er noch heute.

Palmström legt des Nachts sein Chronometer –

Palmström legt des Nachts sein Chronometer,

um sein lästig Ticken nicht zu hören,

in ein Glas mit Opium oder Äther.

Morgens ist die Uhr dann ganz ›herunter‹.

Ihren Geist von neuem zu beschwören,

wäscht er sie mit schwarzem Mokka munter.

Vom Zeitunglesen

Korf trifft oft Bekannte, die voll von Sorgen

wegen der sogenannten Völkerhändel. Er rät:

»Lesen Sie doch die Zeitung von übermorgen.

Wenn die Diplomaten im Frühling raufen,

nimmt man einfach ein Blatt vom Herbst zur Hand

und ersieht daraus, wie alles abgelaufen.

Freilich pflegt man es umgekehrt zu machen,

und wo käme die ›Jetztzeit‹ denn sonst auch hin!

Doch de facto sind das nur Usus-Sachen.«

Die Zimmerluft

Korf erfindet eine Zimmerluft,

die so korpulent, daß jeder

Gegenstand drin stecken bleibt.

Etwa mitten, wenn er mit dem Feder-

halter grade nicht mehr schreibt,

weil die Dienstmagd an die Türe pufft –

gibt er kurzweg ihm ein Alibi –

mitten in die Luft entweder

oder sonstwo in ihr, gleichviel wo und wie.

Bilder

Bilder, die man aufhängt umgekehrt,

mit dem Kopf nach unten, Fuß nach oben,

ändern oft verwunderlich den Wert,

weil ins

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