Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 45)
und schrieb, um ihr den Aufschub seiner Götter-Erscheinung oder seines Aufgangs zu versüßen, eigenhändig in Theudobachs Namen ein Briefchen an Hrn. v. Nieß, worin er sich selber als einem Freund berichtete: er komme erst abends in Maulbronn an, doch aber, hoff er, nicht zu spät für den Besuch des Deklamatorium; und nicht zu früh, wünsch er, für unsre Dame. Er steckte dies Blättchen in einen mit der Bad-Post angelangten Briefumschlag und ging zu Theoda mit entzücktem Gesicht. Daß er nicht log, war er sich bewußt, da er eben vorhatte, unter dem Deklamieren (um das Loben ins Gesicht zu hemmen) aufzustehen und zu sagen: »Ach, nur ich bin selber dieser Theudobach.« Ehe der Edelmann kam, hatte sie soeben folgendes ins Tagebuch geschrieben. »Endlich bin ich da, Bona, aber niemand anders (außer einige Schocke Badegäste), sogar auf der Badeliste fehlt Er. Bloß in der Großpoleischen Zeitung wird er gewiß angekündigt. Ich wollte, ich hätte nichts, wohinter ich mich kratzen könnte; aber die Ohren müssen mir lang auf der Fahrt gewachsen sein, weil ich so fest voraussetzte, der erste, auf den man vor der Wagentüre stieße, sei bloß der Poet. Wohin ich nur vom Fenster herabblickte auf die schönen Badegänge: so seh ich doch nichts als den leeren Strickrahmen, worauf ihn meine Phantasie zeichnet, nichts als den Paradeplatz seiner Gestalt und seiner Throngerüste. Wahrlich, so wird einem Mädchen doch so ein Mensch, den man liebt, es mag nun ein Bräutigam oder ein Dichter sein, zu jedem Gestirn ein Gebirg, gleichsam zum Augengehenk, und hinter allen steckt der Mensch, daß es ordentlich langweilig wird. Man sollte weniger nach einem Schreiber fragen, da man ja nach unserm Herrgott genug hätte, der doch das ganze Schreiber-Volk selber geschaffen hat.
Ich merke wohl, ich werde allmählich eher toller als klüger; am besten schreib ich Dir nichts mehr über mein Aufpassen, als bis der Messias erschienen ist; denn ausstreichen, was ich einmal an Dich geschrieben, kann ich aus Ehrlichkeit unmöglich; ich sage Dir ja alles und nehme mir kein Blatt vors Maul, warum ein Blatt vors Blatt ...«
Da erschien Nieß und wollte seine eben erhaltene Nachricht übergeben. Sie empfing ihn in der vaterlosen Einsamkeit mit keinem größerem Feuer, wie er doch gedacht, sondern mit einigem Maireif, der aus dem Tagebuche auf das Gesicht gefallen war. Sofort behielt er seinen Selbbriefwechsel in der Tasche und beschenkte sie und ihren abwesenden Vater bloß mit der Einladung, mittags seine Gäste und abends seine Zuhörer zu sein. Auch wunderte er sich innerlich sehr, warum er nicht früher darauf gefallen, ihr das Blättchen erst an der Tafel zu geben und dadurch der Tafel zugleich; »ein Briefwechsel mit dem Dichter selber«, dachte er, »müßte, sollt ich denken, dem Deklamator desselben vorläufig Ehre und nachlaufende Zuhörer eintragen.«
Eben versprach Theoda seinem Tische sich und ihren Vater, als dieser eintrat und das Nein vorschüttelte und sagte: er habe sich dem Handwerksgesellen Strykius versprochen, um das Band der Freundschaft immer enger zusammenzuziehen bis zum Ersticken; das Mädchen könne aber tun, was es wolle. Dies tat sie denn auch und