Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 78)

und Sie können ermorden, weil Sie oft genug geheilet haben. Doch Scherz beiseite! – Ich habe, guter Katzenberger, Ihre köstlichen Werke erst nach den Rezensionen gelesen.« – –

»Ganz natürlich!« unterbrach der Doktor ... – »Und ich habe etwas darin gefunden, was ich noch von niemand gehört, daß Sie nämlich einem berühmten Engländer aufs Haar gleichen«, fuhr Strykius fort.

»Wem aufs Haar?« fragt' er.

»Dem wackern Doktor und Romancier Smollet in London. Weniger in Wissenschaft – denn hier weiß ich nicht genau, ob Smollet besondere Vorzüge besessen – als im Humor; wie, Herr Doktor?« –

»Prügelszenen«, versetzte der, »hat er allerdings einladend dargestellt, und insofern dürft ich etwas von ihm haben, wiewohl nicht in theoretischer Darstellung, sondern etwan in praktischer; denn ich frage Sie als Unbefangenen ernstlich, ob es eine größere Halunkerei gibt, als mit sieben Stimmen aus drei Zerberus-Kehl-Köpfen – –«

»Wir kennen dies, Freund. Vielleicht haben wir beide etwas getrunken! wenigstens ich«, sagte Stryk; »Sie bleiben Smolletus secundus. Aber zum Zeichen, wie mich auch das Kleinste an Ihnen interessiert, sag ich Ihnen ganz leise ins Ohr: Ihre linke Beinkleiderschnalle ist eine stählerne, und die rechte ist bronzen. Sie verzeihen doch, mein Trefflicher, einem Kollegen, der sich gleichfalls nicht von gelehrten Zerstreuungen für frei erklärt, diese freimütige Bemerkung, die ich wahrhaftig bloß wegen einiger Augen und Blicke der erbärmlichsten Gemeinheit gemacht.« – »Schon vor Jahren«, versetzte der Doktor, »seitdem ich von jedem Paare eine Schnalle verloren, hab ich meine Knie ganz absichtlich so eingeschnallt, weil ich mir immer sagte: da jeder nur eine Schnalle auf einmal bemerken kann und dann eine gleiche voraussetzt: was müßte dies für ein Narr sein, der auf beide Schnallen Jagd machte und so ihren Unterschied sich recht einkeilte? Hatt ich aber wohl unrecht, mein Freund?« – Katzenberger war mit einem unüberwindlichen Haß gegen das Aufwallen knechtischer Herzlichkeit, gegen jenes ekle Überfließen der Lieb-Dienerei da geplagt, wo er grade Gallergießungen vorgereizt und erwartet hatte; und hier war er leichter von fremder Süßlichkeit zu erbittern als von Bitterkeit selber.

Da er nun das Seinige getan, nämlich gesagt, so richtete er die Frage: »kommt der Leibmedikus Semmelmann doch dem Fürsten nach?« mit einer seltsamen Miene an Strykius, welche fast tun sollte, als wolle sie Erbitterung und Hinterlist verbergen. Strykius starrte plötzlich in eine ganz neue, aber hübsche Perspektive hinein – glaubte zu wittern, daß der Doktor den Leibmedikus Semmelmann für den prügelbaren Rezensenten halte – und versetzte: »Künftige Woche!«

Neununddreissigste Summula

Doktors Höhlen-Besuch

Eine Stunde vor Sonnenuntergang war die Höhle mit Lampen erleuchtet. Der Brunnenarzt, zugleich Höhleninspektor, hatte einen flüchtigen, aber guten Einfall, als er im engen, langen Eingange stand. Katzenbergers kalte Handhabung seiner, zumal vor den ­Augen seines Fürsten, hatt ihn wahrhaft verdrossen; denn gern ließ er sich Herabwürdigung gefallen, aber sein Ehrgefühl litt empfindlich, sobald man sie ihm nicht unter vier Augen antat. Daher geriet er auf den Gedanken: jetzt, wenn der Doktor durch die wie ein Sperrkreuz laufende Türe in den engen düstern Gang eintrete und einige Minuten lang vom Taglichte so blind in diese untere Welt komme als ein neugeborner

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