Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 82)

Rosenlichte badete und auseinanderblühte – da das angezündete Frührot des Lebens an der einsamen Abend-Welt plötzlich einen bevölkerten Lustgarten voll wandelnder Menschen aufdeckt.–

Und doch, Theoda, ist dein Irrtum keiner! Was sind denn Berge und Lichter und Fluren ohne ein liebendes Herz und ein geliebtes? Nur wir beseelen und entseelen den Leib der Welt. Ist ein Garten eine engere Landschaft, so ist die Liebe nur ein verkleinertes All; in jeder Freudenträne wohnt die große Sonne rund und licht und in Farben eingefaßt.

Lange noch immer wars Theodan, als wenn die Strahlen hineinweheten und zitterten. Die Sonne senkte sich höher an der seltsamen Klippendecke hinweg, bis alles mit einem kurzen Nachschimmern entschwand. Während der Finsternis, ehe drinnen die Lichter wieder, wie draußen die Sterne, aufgingen, begleitete Theudobach die Geliebte aus der unvergeßlichen Höhle.

Einundvierzigste Summula

Drei Abreisen

Unter dem frischen, wehenden, lebensfrohen Abendhimmel fanden beide den Doktor und den Zoller. Theoda erinnerte sich sogleich an Theudobachs Versprechen, dem letzten die langsame Fußreise abzunehmen, und berichtete dem Zoller das Anerbieten. Er verbeugte sich häufig, aber der Doktor nahm das Wort: »Du möchtest nur gern, ich merk es, recht bald ans Wochenbett deiner Bona kommen und zum Patchen. Hältst du aber die Nacht-Strapaze aus?« Sie erschrak ordentlich, denn sie hatte, als sie zuerst die Bitte für Mehlhorn getan, daran keinen andern Anteil für sich erwählen können als den, tags darauf allein die Fußreise zu machen. »O Fräulein!« sagte der Hauptmann bittend und plötzlich so aufgeheitert, als er eine Minute vorher bewölkt geworden von der Aussicht, daß er, gemäß seinem Versprechen der Abreise und Fracht, eben jetzt, da ihm Sonne, Mond und Sterne über Maulbronn aufgegangen, nichts davon vorderhand wegzufahren habe als den Umgelder. Theoda sann einen Augenblick nach, sah ihren Vater an, fragte noch einmal den Zoller, ob ihm ein zweites Nachtwachen nicht beschwerlich sei, und gab, da er versetzte: im mindesten nicht, da man ihn ja nachts tagtäglich wecke, leise die Antwort: »So wie Sie denn wollen, Vater!«

Alle waren nun zufrieden mit ihren Perspektiv-Malereien – die Liebenden mit der steilrechten Himmelfahrt, Mehlhorn mit der waagrechten, Katzenberger mit der Aussicht in eine Höllenfahrt zu Strykius, als ein auferstandener Gekreuzigter.

Theoda nahm ihren Vater noch beiseite und bat ihn mit mehr Ernst als gewöhnlich um einen leichten Gefallen; sie habe, sagte sie, allerdings noch französisches Blut genug, um ihre unerschrockene Mutter nachzuahmen, die ihr von ihren kühnen Reisen mit Männern erzählt habe; nur aber an diesem Orte, wo die Menge ihre öffentliche Verwechslung des Hauptmanns mit dem Dichter nicht vergessen, wohl aber mißdeuten werde, sei es nötig, daß er ihre Abreise einige Tage verschweige, und daß sie jetzt zu Fuß ins nächste Dorf vorausgehen dürfe, indes beide Herren während des tumultuarischen Abendessens abreisen könnten, um weniger bemerkt zu sein. – –

»Was willst du denn eigentlich?« fragte Katzenberger. »Ich tus ja.« Sie mußte ihm noch kühner die Bitten wiederholen. – »Und weiter nichts? – Wahre Weiber-Schulfüchserei! So laufe nur, denn etwas ist doch daran, an deinem Zartgehör; ich sogar höre ungern mich verleumden von Rezensenten: geschweige ein Mädchen; empfindliche

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