Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 83)
Ohren sind, bei Mädchen, so gut wie bei Pferden, gute Gesundheit-Zeichen. Nur vergiß nicht«, setzt er noch dazu bei ihrem Abschiede, »schändlich vor lauter Lieben und Lieben den Vater und dich.« – »O Vater!« sagte sie. – »Ja, du ganz besonders«, fuhr er fort; »oder was gilt denn dir Vaterliebe, Gesundheit und Wirtschaft und alles gegen deine – Bona? Sag es?« Denn nur letzte hatt er gemeint.
So flog sie denn noch seliger aus dem Badeorte hinaus als in denselben hinein, nachdem sie vorher dem Dichter von Nieß seine falschnamigen Geschenke zurückgesandt. Jeder gute Mensch, sogar ein böser, der sie, einsam und ihrer Mutter ihr Seelen-Glück mit betenden Tränen zuschreibend, auf dem Wege nach dem nächsten Dorfe hätte laufen und sich anstrengen sehen, hätte ihr nachgewünscht: »So werde nur recht glücklich, du furchtloses und schuldloses Mädchen! Es wäre für einen, der dich kennt, zu hart, dich im Unglück und das kalte Messer des Grams in deinem Rosen-Herzen zu sehen. Nein, ihr Liebenden, in dieser nie wiederkommenden Nacht sprecht euch beide selig und heilig in höherem als römischem Sinn!«
Theudobachs Wagen rollte schon hinter ihr, da sie kaum das Dörfchen erlangt hatte.
Zweiundvierzigste Summula
Theodas kürzeste Nacht der Reise
Warum wollen wir in der schönsten Julius-Nacht nicht lieber zuerst den Paradiesvögeln nachfliegen und erst später in Maulbronn uns mit Katzenberger und seinem Stiefbruder an die Tafel des Unliebe-Mahls setzen? Wenigstens ich für meine Person fliege mit ihnen; in der nächsten Summel sind ich und die Leser wieder beisammen im Bad. Es vergehen viele Jahre und viele – Herzen, eh einmal das Schicksal den Himmel der Liebe wieder so mit einem äußern voll Sterne einbaut und verdoppelt; denn nur im Schlachtgetümmel der Not wird meistens der Zauberkelch der Liebe schleunig geleert; aber diesmal wollte irgendein Liebe-Engel, der die Erde regiert, zwei unschuldige Jugend-Herzen mit allem segnen und belohnen, was sich unsre frühen Träume malen. Eine gestirnte duftende Sommernacht hindurch, über welche das Mutter-Auge des Mondes wachte, durften beide nach dem ersten Feuer-Worte der Liebe einander fortsehen und forthören. Ihr Begleiter schlummerte anfangs scheinbar aus Höflichkeit, dann wahrhaft aus Notwendigkeit. Und wie flog das Leben vorbei und die Bäume und die schlafenden Dörfer, und nur einzelne Töne der Nachtigall zogen ihnen nach und sprachen ihren Seelen nach! Theodas Herz zitterte, aber freudig, mit dem Boden unter dem aufrollenden Wagen; ihr war immer, als höre sie die Töne der Höhle fort, überall klang die Welt zurück, und es wurde ihr zuletzt im Rausche der Nacht, als stehe sie wieder mit ihrem Geliebten an der Felswand, an der sich ihr Leben entschieden. – Die Dörfer, die Städte, das Erdengetümmel schwanden hin, und nur die Sterne und die Berge blieben der Liebe. – Die Welt schien ihnen die Ewigkeit, die Sterne gingen nur auf und keiner unter. – Endlich stieg der Stern der Liebe wie ein kleiner hellblinkender Mond im Morgen auf, die Morgenröte glühte ihnen entgegen, und die Sonne zog in die Rosen-Glut hinein. – Hinter ihnen, über den Bergen, wo sie sich gefunden hatten, wölbte sich ein