Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 85)

zu genießen und die Frucht abzuschälen; aber die alte widerwärtige Landedeldame, die schon früher über seine medizinischen Tischreden ein Fi! ausgerufen, war so spät sehr nahe sitzen geblieben, nicht etwan aus heimlicher Hinneigung zu Katzenberger, sondern aus Dorfgehorsam gegen ein lindes, sieches, weiches Hoffräulein, das gerade von den Gerüchten seiner kecken Äußerungen nach ihm und nach seinen Ratgebungen für ihr Wohl und Wehe desto lüsterner gemacht worden; denn für eine Dame von Stand war ein wilder, zackiger Doktor bloß ein englischer Park voll Stechgewächse. Die junge Dame hatte die alte, wie gewöhnlich, zum Schilderhaus oder zur Brandmauer ihrer freundschaftlichen Gefühle verbraucht oder als weibliches Meßgeleite des Anstands. Da nun der Doktor – der fein erriet, um grob zu handeln – sehr leicht fand, daß er bloß die Alte fortzutreiben habe, um beide weg­zuhaben: so tat er das Seinige und genierte vorzüglich die Alte. Es zeige zu seiner ärztlichen Freude, wandte er sich an sie, schöne Jugendkräfte, daß sie sich so spät und kühn der Nachtluft aussetze, die oft viel Jüngern schlecht zuschlage. – »Meine Brust ist ganz gesund«, antwortete sie kurz. – »Doch dadurch allein, meine Schönste«, versetzte Katzenberger, »wäre wohl Ihr Brustfell nicht vor nächtlicher Ent­zündung gedeckt? Aber Sie haben gewiß damit selber gesäugt, und wieviel Kinder wohl? Schon an und für sich eine der edelsten tierischen Verrichtungen, um die ich Sie bis auf jedes Säugtier von Amme benei­de.« – Strykius, der sie kannte, nahm eiligst das Wort für die Stumm-Ent­rüstete und sagte hastig: er sei im vollständigsten Irrtum über das Fräulein. »Nu, nu, mein Freund«, erwiderte der Doktor, »unter die Saugtiere gehören wir doch alle, wenn sich auch gleich nur die schönere Hälfte unter die Säugtiere zählen darf. – – Aber unser Herr Brunnenarzt«, fuhr er gegen die beiden Fräulein fort, »lag von jeher gern vor Damen auf den Knien, und dies, glaub ich, mit Recht; denn er weiß, als Arzt, der Schelm, recht gut, daß die Knie, wie stark man sie auch beuge, den feurigsten Blutumlauf nicht im geringsten einhemmen.

Wenn ein unmedizinischer Liebhaber vielleicht dächte, die großen Aderstämme der Beine liefen an den Kniescheiben hinauf und würden also durch das Drücken der Scheiben auf den Boden so gut wie unterbunden: so weiß dagegen unser Arzt aus seinem Sömmering, daß es anders ist, und daß die großen Adern unten um die Kniekehle liegen und nicht leiden und stocken durch Biegen ...«

Da war des Bleibens nicht mehr für das Landfräulein, das unter die feinern Dorfdamen gehörte, welche vor einer Hofdame nie Füße, Strümpfe, Knie, Beine anbehalten, sondern sie zu Hause ablegen, um nicht am Hofe damit anzustoßen; zarte Wesen, welche, wie Sirenen, nur ihre Hälfte zur Sprache bringen und aus Anstand sich nur als Büsten geben. – Zögernd und mit einer freundlichen Abschieds-Verbeugung an den Doktor zog das Hoffräulein dem aufbrechenden Landfräulein nach, das sich die größte Mühe gab, bloß von Strykius den Abschied zu nehmen durch Knicks und Blick und Gutenacht. –

Endlich saß Katzenberger ohne Scheidewand und Ofenschirm neben seinem Strykius. Er ließ sogleich viel Achtungsvierziger bringen und

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