Peter Weiss / Biographie

Weiss bricht aber nicht vollständig mit seiner sozialistisch geprägten Weltanschauung, wie seine Reise zum Schriftstellerkongress in Moskau 1974 verdeutlicht. Die Figur des Hölderlin ist daher nur bedingt als Alter Ego des Autors zu verstehen. Es ändert sich der Fokus von Weiss: Statt seiner Versuche, das bürgerlich-kapitalistische System bloßzustellen, schaut er genauer und kritischer auf die europäische Linke.

Er beginnt, an seinem aus literaturwissenschaftlicher Sicht wichtigsten Werk zu arbeiten, der „Ästhetik des Widerstandes". Band 1 erscheint nach einer vierjährigen Publikationspause 1975, der zweite Band folgt 1978, der dritte schließlich 1981.

Das etwa 1.000 Seiten umfassende Werk behandelt die Konflikte und Debatten der kommunistischen und antifaschistischen Bewegung in Deutschland von 1917/1918 bis zum Ende des Nationalsozialismus. Ähnlich wie beim „Hölderlin" legt er einen Schwerpunkt auf die Beschreibung der Widersprüche und Fehler einer linken Politik. Geschildert wird dies konsequent aus der Perspektive derer, „die sich ganz unten befinden u dort, Entbehrungen u Leid auf sich nehmend, ihre Überzeugung" gewinnen, wie Weiss in seinen „Notizbüchern" schreibt.

Formal arbeitet Weiss mit filmischen Mitteln, er montiert historische Szenen und Fragmente mit teils harten Schnitten, teil Überblendungen aneinander. So verbindet er Vergangenheit und Gegenwart seiner Figuren, Dialoge und Reflektionen. Heraus kommt ein für die deutsche Nachkriegsliteratur einzigartiger Stil, der sich auch seinen Lesern gegenüber als widerständig erweist.

In der „Ästhetik des Widerstands" reflektiert Weiss das Verhältnis von Kunst und Politik. Er zeigt anhand klassischer Werke der bildenden Kunst (dem Pergamonaltar, Bilder von Picasso und Géricault, Collagen von George Grosz und John Heartfield) den Zusammenhang von Phantasie und Politik, den Drang, sich über Hindernisse hinwegzusetzen und den Wunsch nach Selbstverwirklichung zu realisieren. Diese Entwicklung sieht er in der Politik der sich sozialistisch nennenden Staaten verloren, weshalb er nach verborgenen Traditionen, nach verschütteten Alternativen sucht. Diese findet er u.a. in der anarchistischen Bewegung, der er aufgrund ihres nicht-repressiven, sondern auf Freiheit beruhenden Menschenbildes eine bedeutsame Rolle im linken Denken zuschreibt.