Literaturepoche Gegenwart: 1968 bis heute

In Opposition zur Nachkriegs- und 68er-Generation verstanden sich die Vertreter der sog. Popliteratur wie Christian Kracht (1966; Faserland, 1995; Tristesse Royale, 1999), Florian Illies (1971; Generation Golf, 2003), Benjamin von Stuckrad-Barre (1975; Soloalbum, 1998; Blackbox, 2000) oder Benjamin Lebert (1982; Crazy, 1999). Diese jungen Autoren bejahten die Gegenwart zum Teil bis hin zum Zynismus, setzten gegen die Konsumkritik der 70er Jahre den Konsum, gegen die Jugendbewegtheit der Protestgeneration die kapitalistischen Symbole des Wohlstands und gegen die ihrer Meinung nach vorherrschende Vergangenheitsbesessenheit der Literatur eine Vergangenheitsvergessenheit. Auch waren sie stark von amerikanischen Erzählern wie Bret Easton Ellis, Don DeLillo oder Raymond Carver beeinflusst.

Die Vergangenheit blieb jedoch auch in den 90er Jahren lebendig: Sowohl der Holocaust und der Faschismus, als auch die jüngere Vergangenheit des geteilten Deutschlands waren Gegenstand der literarischen Auseinandersetzung. Besonders bei jüngeren Autoren war es allerdings nicht mehr erlebte Vergangenheit, sondern es wurde der Umgang mit kollektiver Erinnerung und Möglichkeiten der Spurensuche erprobt. Exemplarisch hierfür stehen Werke über das Dritte Reich wie Marcel Beyers Flughunde (1995) oder Bernhard Schlinks Der Vorleser (1995), oder aber W. G. Sebalds Roman Austerlitz (2001) über die Frage nach dem „Wie“ von Erinnerung.

Lebens- und Kindheitserinnerungen finden sich hingegen in Günter Grass’ Mein Jahrhundertbuch (1999), Walter Kempowskis Trilogie Echolot (1993/1999/2002) oder Arnold Stadlers Roman Mein Hund, meine Sau, mein Leben (1994).

Die erzählende Literatur ab Mitte der 80er ist auch gekennzeichnet durch eine Reihe von Werken, die zu Bestsellern wurden und zugleich einen hohen literarischen Rang aufweisen, z.B. Sten Nandolnys (1942) Entdeckung der Langsamkeit (1982), Patrick Süßkinds (1949) Das Parfum (1985), Robert Schneiders (1961) Schlafes Bruder (1992), Helmut Kraussers Melodien oder Nachträge zum quecksilbernen Zeitalter (1993) oder Daniel Kehlmanns (1975) Vermessung der Welt (2005).

Hierzu muss man auch das sog. „literarische Fräuleinwunder“ zählen, unter diesem Etikett man eine Reihe erfolgreicher und gut zu vermarktender Romane und Erzählungen von jungen Frauen zusammenzufassen versuchte. Zum „Fräuleinwunder“ erklärt wurden etwa Judith Herman (1970; Sommerhaus, später, 1998), Zoe Jenny (1974; Blütenstaubzimmer, 1997), Julia Franck (1970; Liebediener, 1999) oder Sybille Berg (1962; Sex II, 1998; Amerika, 1999). Aufmerksamkeit erregten auch literarische Skandale, wie die umstrittene Literatur Jelineks oder der Auftritt von Reinald Goetz auf der Verleihung des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preises 1983, als er sich mit einem Messer die Stirn blutig ritzte, um dadurch das Ausdrucksvermögen seines literarischen Manifests Subito zu steigern. Für Schlagzeilen sorgte auch der Versuch Kathrin Passigs, diesen Wettbewerb durch Verwendung genau derjenigen Kriterien, die ein Gewinnen des Preises wahrscheinlich machen, zu unterlaufen und damit die Bedingungen des Wettbewerbs kritisch aufzuzeigen.