Literaturepoche Nachkriegsliteratur (1945-1968)

Einen besonders radikalen Ausdruck fand die geforderte Politisierung der Literatur im Dokumentartheater, das sich in den 60er Jahren etablierte. Es stellte literarische Ansprüche zugunsten zeitgeschichtlicher und politischer Ansprüche bewusst zurück. Um eine möglichst hohe Objektivität bemüht, verwendeten die Autoren authentische Dokumente als Quellen, beispielsweise juristische oder historische Reportagen, Berichte, Briefe oder Interviews. Ziel des Dokumentartheaters ist die politische Aufklärung und die Agitation. So befasst sich Heinar Kipphardts Stück In Sachen J. Robert Oppenheimer (1964) kritisch mit den amerikanischen Bemühungen zum Bau der Atombombe im Zweiten Weltkrieg und der Rolle des daran beteiligten Physikers Oppenheimer. Peter Weiss verarbeitete in seinem Stück Die Ermittlung. Ein Oratorium in elf Gesängen (1965) – in bewusst nüchterner, sachlicher Form – die Dokumente des von 1963-1965 stattgefundenen Frankfurter Auschwitzprozesses. Die größte Wirkung aber erzielte Rolf Hochhuth mit seinem Drama Der Stellvertreter (1963), in dem er die Haltung des Papstes Pius XII. im Zweiten Weltkrieg, insbesondere dessen Schweigen gegenüber der Judenvernichtung durch die Nazis anprangerte: Die Uraufführung des Stückes unter der Regie Erwin Piscators führte zu einem der größten Theaterskandale der Bundesrepublik.

Der literarische Einfluss der Gruppe 47 schwand in den 60er Jahren, einer Zeit, die mehr und mehr von studentischen Protesten gegen autoritäre gesellschaftliche Strukturen, gegen Kapitalismus, Imperialismus und Militarismus – gerade angesichts des Vietnam-Krieges – bestimmt wurde. Auch die Gruppe 47 wurde immer kritischer angegangen. In der 15. Ausgabe des Kursbuchs (1968), einer von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen und damals sehr einflussreichen Zeitschrift, erklärte Karl Markus Michel, dass die Gruppe „nicht einmal ein Papiertiger, sondern ein Schoßhund“ sei. Und Enzensberger selbst forderte – in Anspielung auf Günter Grass’ Blechtrommel – „Faktografien“ statt „Schelmenromane“. Wie ihr Gründer Hans Werner Richter in einem späteren Rückblick selbst einräumte, war die Gruppe 47 in dieser Zeit längst vom „Auflösungskrebs“ befallen: Im Oktober 1967 trat sie ein letztes Mal offiziell zusammen. Ihr Zerfall markiert das Ende der Nachkriegsliteratur in Deutschland.