Wolfgang Borchert / Biographie

Wie schrieb der junge Borchert? Ein Beispiel:

Reiterlied

Ich bin ein Reiter,
stürmend durch die Zeit!
Durch die Wolken führt mein Ritt –
Mein Pferd greift aus!
Voran! Voran!
Der Sturm jagt neben mir!
Voran! Mein Pferd! Voran!
Durch die Gefahren hin stürmen wir –
Ich und du –
Mein Pferd!
Voran!
Durch die Zeit!
Ich bin ein Reiter!

(1938 veröffentlicht im „Hamburger Anzeiger“)

„Gipfelstürmerpathos“ nennt das Borcherts Biograph, der Schriftsteller Peter Rühmkorf. Die vielen Ausrufezeichen am Schluss fast jeder Zeile, die Staccato-Sätze, die den Galopp nachbilden wollen – der schlichte Text, geschrieben mit großem Pathos, legt von der jugendlichen Unbekümmertheit des Achtzehnjährigen Zeugnis ab.

Literarische Vorbilder sind später Rilke, Hölderlin, aber auch Benn und Trakl, deren Stil er imitiert. Es sind epigonale Texte. Er passt auch seinen Namen dichterisch an: Briefe unterschreibt er mit „Wolff Maria Borchert“.

Er hatte verschiedene Mentoren, die eine Begabung in ihm erkannten; eine war Aline Hager, die unter ihrem Mädchennamen Bußmann veröffentlicht hatte und am Ohnsorg-Theater spielte, auch Werke aus dem Nachlass Gorch Fock herausgab, mit dem sie befreundet gewesen war. Während sie seine Gedicht hauptsächlich nur im Detail korrigiert, aber nicht als Ganzes hinterfragt, antwortet der Redakteur des „Hamburger Anzeigers“, Hugo Sieker auf eine weitere Sendung Borchert’scher Gedichte mit folgendem Urteil: „Wieder hat mich die Melodie Ihrer Gedichte gepackt, und ich habe gefühlt, dass aus Ihrer Sprache etwas werden kann. ... Denken Sie in Zukunft immer stärker daran, dass es die Aufgabe auch eines Gedichtes ist, etwas Sachliches auszusagen. Hat ein Gedicht keinen festen sachlichen Kern, so wird es den Leser bei aller Pracht schöner Worte dennoch unbefriedigt lassen.“