Ungekürztes Werk "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 13)

und in einer Generation kommen nicht alle Casus vor. Eine Sammlung solcher Fälle von vielen Jahrhunderten ist unser Gesetzbuch. Und dann ist der Wille und die Meinung der Menschen schwankend; dem deucht heute das recht, was der andere morgen mißbilliget; und so ist Verwirrung und Ungerechtigkeit unvermeidlich. Das alles bestimmen die Gesetze; und die Gesetze sind unveränderlich.

ABT: Das ist freilich besser.

OLEARIUS: Das erkennt der Pöbel nicht, der, so gierig er auf Neuigkeiten ist, das Neue höchst verabscheuet, das ihn aus seinem Gleise leiten will, und wenn er sich noch so sehr dadurch verbessert. Sie halten den Juristen so arg als einen Verwirrer des Staats, einen Beutelschneider, und sind wie rasend, wenn einer dort sich niederzulassen gedenkt.

LIEBETRAUT: Ihr seid von Frankfurt! Ich bin wohl da bekannt. Bei Kaiser Maximilians Krönung haben wir Euern Bräutigams was vorgeschmaust. Euer Name ist Olearius? Ich kenne so niemanden.

OLEARIUS: Mein Vater hieß Öhlmann. Nur, den Mißstand auf dem Titel meiner lateinischen Schriften zu vermeiden, nenn ich mich nach dem Beispiel und auf Anraten würdiger Rechtslehrer Olearius.

LIEBETRAUT: Ihr tatet wohl, daß Ihr Euch übersetztet. Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande, es hätt Euch in Eurer Muttersprache auch so gehen können.

OLEARIUS: Es war nicht darum.

LIEBETRAUT: Alle Dinge haben ein paar Ursachen.

ABT: Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande!

LIEBETRAUT: Wißt Ihr auch warum, hochwürdiger Herr?

ABT: Weil er da geboren und erzogen ist.

LIEBETRAUT: Wohl! Das mag die eine Ursache sein. Die andere ist: Weil bei einer näheren Bekanntschaft mit den Herrn der Nimbus von Ehrwürdigkeit und Heiligkeit wegschwindet, den uns eine neblichte Ferne um sie herum lügt; und dann sind sie ganz kleine Stümpfchen Unschlitt.

OLEARIUS: Es scheint, Ihr seid dazu bestellt, Wahrheiten zu sagen.

LIEBETRAUT: Weil ich's Herz dazu hab, so fehlt mir's nicht am Maul.

OLEARIUS: Aber doch an Geschicklichkeit, sie wohl anzubringen.

LIEBETRAUT: Schröpfköpfe sind wohl angebracht, wo sie ziehen.

OLEARIUS: Bader erkennt man an der Schürze und nimmt in ihrem Amte ihnen nichts übel. Zur Vorsorge tätet Ihr wohl, wenn Ihr eine Schellenkappe trügt.

LIEBETRAUT: Wo habt Ihr promoviert? Es ist nur zur Nachfrage, wenn mir einmal der Einfall käme, daß ich gleich vor die rechte Schmiede ginge.

OLEARIUS: Ihr seid verwegen.

LIEBETRAUT: Und Ihr sehr breit.

Bischof und Abt lachen.

BISCHOF: Von was anders! – Nicht so hitzig, ihr Herrn! Bei Tisch geht alles drein. – Einen andern Diskurs, Liebetraut!

LIEBETRAUT: Gegen Frankfurt liegt ein Ding über, heißt Sachsenhausen –

OLEARIUS zum Bischof: Was spricht man vom Türkenzug, Ihro Fürstliche Gnaden?

BISCHOF: Der Kaiser hat nichts Angelegners, als vorerst das Reich zu beruhigen, die Fehden abzuschaffen und das Ansehn der Gerichte zu befestigen. Dann, sagt man, wird er persönlich gegen die Feinde des Reichs und der Christenheit ziehen. Jetzt machen ihm seine Privathändel noch zu tun, und das Reich ist, trotz ein vierzig Landfrieden, noch immer eine Mördergrube. Franken, Schwaben, der Oberrhein und die angrenzenden Länder werden von übermütigen und kühnen Rittern verheeret. Sickingen, Selbitz mit einem Fuß, Berlichingen mit der eisernen Hand spotten in diesen Gegenden des kaiserlichen Ansehens –

ABT: Ja, wenn Ihro Majestät nicht bald dazu tun, so stecken einen die Kerl am End in

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