Ungekürztes Werk "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 14)

Sack.

LIEBETRAUT: Das müßt ein Kerl sein, der das Weinfaß von Fuld in den Sack schieben wollte.

BISCHOF: Besonders ist der letzte seit vielen Jahren mein unversöhnlicher Feind und molestiert mich unsäglich; aber es soll nicht lang mehr währen, hoff ich. Der Kaiser hält jetzt seinen Hof zu Augsburg. Wir haben unsere Maßregeln genommen, es kann uns nicht fehlen. – Herr Doktor, kennt Ihr Adelberten von Weislingen?

OLEARIUS: Nein, Ihro Eminenz.

BISCHOF: Wenn Ihr die Ankunft dieses Manns erwartet, werdet Ihr Euch freuen, den edelsten, verständigsten und angenehmsten Ritter in einer Person zu sehen.

OLEARIUS: Es muß ein vortrefflicher Mann sein, der solche Lobeserhebungen aus solch einem Munde verdient.

LIEBETRAUT: Er ist auf keiner Akademie gewesen.

BISCHOF: Das wissen wir.

Die Bedienten laufen ans Fenster.

Was gibt's?

EIN BEDIENTER: Eben reit Färber, Weislingens Knecht, zum Schloßtor herein.

BISCHOF: Seht, was er bringt, er wird ihn melden.

Liebetraut gebt. Sie stebn auf und trinken noch eins. Liebetraut kommt zurück.

BISCHOF: Was für Nachrichten?

LIEBETRAUT: Ich wollt, es müßt sie Euch ein andrer sagen. Weislingen ist gefangen.

BISCHOF: Oh!

LIEBETRAUT: Berlichingen hat ihn und drei Knechte bei Haslach weggenommen. Einer ist entronnen, Euch's anzusagen.

ABT: Eine Hiobspost.

OLEARIUS: Es tut mir von Herzen leid.

BISCHOF: Ich will den Knecht sehn, bringt ihn herauf. – Ich will ihn selbst sprechen. Bringt ihn in mein Kabinett! Ab.

ABT setzt sich: Noch einen Schluck.

Die Knechte schenken ein.

OLEARIUS: Belieben Ihro Hochwürden nicht eine kleine Promenade in den Garten zu machen? Post coenam stabis seu passus mille meabis.

LIEBETRAUT: Wahrhaftig, das Sitzen ist Ihnen nicht gesund. Sie kriegen noch einen Schlagfluß.

Abt hebt sich auf.

LIEBETRAUT vor sich: Wann ich ihn nur draußen hab, will ich ihm fürs Exerzitium sorgen.

Gehn ab.

Jagsthausen

Maria. Weislingen.

MARIA: Ihr liebt mich, sagt Ihr. Ich glaub es gerne und hoffe mit Euch glücklich zu sein und Euch glücklich zu machen.

WEISLINGEN: Ich fühle nichts als nur, daß ich ganz dein bin.

Er umarmt sie.

MARIA: Ich bitte Euch, laßt mich. Einen Kuß hab ich Euch zum Gottespfennig erlaubt; Ihr scheint aber schon von dem Besitz nehmen zu wollen, was nur unter Bedingungen Euer ist.

WEISLINGEN: Ihr seid zu streng, Maria! Unschuldige Liebe erfreut die Gottheit, statt sie zu beleidigen.

MARIA: Es sei! Aber ich bin nicht dadurch erbaut. Man lehrte mich: Liebkosungen sei'n wie Ketten, stark durch ihre Verwandtschaft, und Mädchen, wenn sie liebten, sei'n schwächer als Simson nach Verlust seiner Locken.

WEISLINGEN: Wer lehrte Euch das?

MARIA: Die Äbtissin meines Klosters. Bis in mein sechzehntes Jahr war ich bei ihr, und nur mit Euch empfind ich das Glück, das ich in ihrem Umgang genoß. Sie hatte geliebt, und durfte reden. Sie hatte ein Herz voll Empfindung! Sie war eine vortreffliche Frau.

WEISLINGEN: Da glich sie dir! Er nimmt ihre Hand. Wie wird mir's werden, wenn ich Euch verlassen soll!

MARIA zieht ihre Hand zurück: Ein bißchen eng, hoff ich, denn ich weiß, wie's mir sein wird. Aber Ihr sollt fort.

WEISLINGEN: Ja, meine Teuerste, und ich will. Denn ich fühle, welche Seligkeiten ich mir durch dies Opfer erwerbe. Gesegnet sei dein Bruder und der Tag, an dem er auszog, mich zu fangen!

MARIA: Sein Herz war voll Hoffnung für ihn und dich. “Lebt wohl!” sagt'

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