Ungekürztes Werk "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 17)

– ich hab sie wieder vergessen. Es war eine lange Predigt über die Worte: Ich kann Weislingen nicht entbehren.

WEISLINGEN: Er wird's lernen müssen!

FRANZ: Wie meint Ihr? Er sagte: “Mach ihn eilen, es wartet alles auf ihn.”

WEISLINGEN: Es kann warten. Ich gehe nicht nach Hof.

FRANZ: Nicht nach Hof? Herr! Wie kommt Euch das? Wenn Ihr wüßtet, was ich weiß. Wenn Ihr nur träumen könntet, was ich gesehen habe!

WEISLINGEN: Wie wird dir's?

FRANZ: Nur von der bloßen Erinnerung komm ich außer mir. Bamberg ist nicht mehr Bamberg, ein Engel in Weibesgestalt macht es zum Vorhofe des Himmels.

WEISLINGEN: Nichts weiter?

FRANZ: Ich will ein Pfaff werden, wenn Ihr sie sehet und nicht außer Euch kommt.

WEISLINGEN: Wer ist's denn?

FRANZ: Adelheid von Walldorf.

WEISLINGEN: Die! Ich habe viel von ihrer Schönheit gehört.

FRANZ: Gehört? Das ist eben, als wenn Ihr sagtet: Ich hab die Musik gesehen. Es ist der Zunge so wenig möglich, eine Linie ihrer Vollkommenheiten auszudrücken, da das Aug sogar in ihrer Gegenwart sich nicht selbst genug ist.

WEISLINGEN: Du bist nicht gescheit.

FRANZ: Das kann wohl sein. Das letztemal, da ich sie sahe, hatte ich nicht mehr Sinne als ein Trunkener. Oder vielmehr, kann ich sagen, ich fühlte in dem Augenblick, wie's den Heiligen bei himmlischen Erscheinungen sein mag. Alle Sinne stärker, höher, vollkommener, und doch den Gebrauch von keinem.

WEISLINGEN: Das ist seltsam.

FRANZ: Wie ich von dem Bischof Abschied nahm, saß sie bei ihm. Sie spielten Schach. Er war sehr gnädig, reichte mir seine Hand zu küssen und sagte mir vieles, davon ich nichts vernahm. Denn ich sah seine Nachbarin, sie hatte ihr Auge aufs Brett geheftet, als wenn sie einem großen Streich nachsänne. Ein feiner lauernder Zug um Mund und Wange! Ich hätt der elfenbeinerne König sein mögen. Adel und Freundlichkeit herrschten auf ihrer Stirn. Und das blendende Licht des Angesichts und des Busens, wie es von den finstern Haaren erhoben ward!

WEISLINGEN: Du bist drüber gar zum Dichter geworden.

FRANZ: So fühl ich denn in dem Augenblick, was den Dichter macht: ein volles, ganz von einer Empfindung volles Herz! Wie der Bischof endigte und ich mich neigte, sah sie mich an und sagte: “Auch von mir einen Gruß unbekannterweise! Sag ihm, er mag ja bald kommen. Es warten neue Freunde auf ihn; er soll sie nicht verachten, wenn er schon an alten so reich ist.” Ich wollte was antworten, aber der Paß vom Herzen nach der Zunge war versperrt, ich neigte mich. Ich hätte mein Vermögen gegeben, die Spitze ihres kleinen Fingers küssen zu dürfen! Wie ich so stund, warf der Bischof einen Bauern herunter, ich fuhr darnach und berührte im Aufheben den Saum ihres Kleides; das fuhr mir durch alle Glieder, und ich weiß nicht, wie ich zur Tür hinausgekommen bin.

WEISLINGEN: Ist ihr Mann bei Hofe?

FRANZ: Sie ist schon vier Monat Witwe. Um sich zu zerstreuen, hält sie sich in Bamberg auf. Ihr werdet sie sehen. Wenn sie einen ansieht, ist's, als wenn man in der Frühlingssonne stünde.

WEISLINGEN: Es würde eine schwächere Wirkung auf mich haben.

FRANZ: Ich höre, Ihr seid so gut als verheiratet.

WEISLINGEN: Wollte, ich wär's.

Seiten