Ungekürztes Werk "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 18)

Meine sanfte Marie wird das Glück meines Lebens machen. Ihre süße Seele bildet sich in ihren blauen Augen. Und weiß wie ein Engel des Himmels, gebildet aus Unschuld und Liebe, leitet sie mein Herz zur Ruhe und Glückseligkeit. Pack zusammen! und dann auf mein Schloß! Ich will Bamberg nicht sehen, und wenn Sankt Veit in Person meiner begehrte. Geht ab.

FRANZ: Da sei Gott vor! Wollen das Beste hoffen! Maria ist liebreich und schön, und einem Gefangenen und Kranken kann ich's nicht übelnehmen, der sich in sie verliebt. In ihren Augen ist Trost, gesellschaftliche Melancholie. – Aber um dich, Adelheid, ist Leben, Feuer, Mut – Ich würde! – Ich bin ein Narr – dazu machte mich ein Blick von ihr. Mein Herr muß hin! Ich muß hin! Und da will ich mich wieder gescheit oder völlig rasend gaffen.

ZWEITER AKT

Bamberg

Ein Saal.

Bischof, Adelheid spielen Schach. Liebetraut mit einer Zither. Frauen, Hofleute um ihn herum am Kamin.

LIEBETRAUT spielt und singt:

Mit Pfeilen und Bogen

Cupido geflogen,

Die Fackel in Brand,

Wollt mutilich kriegen

Und männilich siegen

Mit stürmender Hand.

Auf! Auf!

An! An!

Die Waffen erklirrten,

Die Flügelein schwirrten,

Die Augen entbrannt.

Da fand er die Busen

Ach leider so bloß,

Sie nahmen so willig

Ihn all auf den Schoß.

Er schüttet' die Pfeile

Zum Feuer hinein,

Sie herzten und drückten

Und wiegten ihn ein.

Hei ei o! Popeio!

ADELHEID: Ihr seid nicht bei Eurem Spiele. Schach dem König!

BISCHOF: Es ist noch Auskunft.

ADELHEID: Lange werdet Ihr's nicht mehr treiben. Schach dem König!

LIEBETRAUT: Dies Spiel spielt ich nicht, wenn ich ein großer Herr wär, und verböt's am Hofe und im ganzen Land.

ADELHEID: Es ist wahr, dies Spiel ist ein Probierstein des Gehirns.

LIEBETRAUT: Nicht darum! Ich wollte lieber das Geheul der Totenglocke und ominöser. Vögel, lieber das Gebell des knurrischen Hofhunds Gewissen, lieber wollt ich sie durch den tiefsten Schlaf hören als von Laufern, Springern und andern Bestien das ewige: Schach dem König!

BISCHOF: Wem wird auch das einfallen!

LIEBETRAUT: Einem zum Exempel, der schwach wäre und ein stark Gewissen hätte, wie denn das meistenteils beisammen ist. Sie nennen's ein königlich Spiel und sagen, es sei für einen König erfunden worden, der den Erfinder mit einem Meer von Überfluß belohnt habe. Wenn das wahr ist, so ist mir's, als wenn ich ihn sähe. Er war minorenn an Verstand oder an Jahren, unter der Vormundschaft seiner Mutter oder seiner Frau, hatte Milchhaare im Bart und Flachshaare um die Schläfe, er war so gefällig wie ein Weidenschößling und spielte gern Dame und mit den Damen, nicht aus Leidenschaft, behüte Gott! nur zum Zeitvertreib. Sein Hofmeister, zu tätig, um ein Gelehrter, zu unlenksam, ein Weltmann zu sein, erfand das Spiel in usum Delphini, das so homogen mit Seiner Majestät war – und so ferner.

ADELHEID: Matt! – Ihr solltet die Lücken unsrer Geschichtsbücher ausfüllen, Liebetraut.

Sie stehen auf.

LIEBETRAUT: Die Lücken unsrer Geschlechtsregister, das wäre profitabler. Seitdem die Verdienste unserer Vorfahren mit ihren Porträts zu einerlei Gebrauch dienen, die leeren Seiten nämlich unsrer Zimmer und unsers Charakters zu tapezieren; da wäre was zu verdienen.

BISCHOF: Er will nicht kommen, sagtet Ihr!

ADELHEID: Ich bitt Euch, schlagt's Euch aus dem Sinn.

BISCHOF: Was das sein

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