Ungekürztes Werk "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 22)

Sachen würden mir vor die Augen kommen.

WEISLINGEN: Gewiß! Ihr würdet Euer Bild drin finden.

ADELHEID: In irgendeinem Winkel bei den Porträten ausgestorbener Familien. Ich bitt Euch, Weislingen, bedenkt, Ihr redet mit mir! Falsche Worte gelten zum höchsten, wenn sie Masken unserer Taten sind. Ein Vermummter, der kenntlich ist, spielt eine armselige Rolle. Ihr leugnet Eure Handlungen nicht und redet das Gegenteil; was soll man von Euch halten?

WEISLINGEN: Was Ihr wollt. Ich bin so geplagt mit dem, was ich bin, daß mir wenig bang ist, für was man mich nehmen mag.

ADELHEID: Ihr kommt, um Abschied zu nehmen.

WEISLINGEN: Erlaubt mir, Eure Hand zu küssen, und ich will sagen: Lebt wohl. Ihr erinnert mich! Ich bedachte nicht – Ich bin beschwerlich, gnädige Frau.

ADELHEID: Ihr legt's falsch aus: ich wollte Euch forthelfen; denn Ihr wollt fort.

WEISLINGEN: O sagt, ich muß. Zöge mich nicht die Ritterpflicht, der heilige Handschlag –

ADELHEID: Geht! Geht! Erzählt das Mädchen, die den “Theuerdank” lesen und sich so einen Mann wünschen. Ritterpflicht! Kinderspiel!

WEISLINGEN: Ihr denkt nicht so.

ADELHEID: Bei meinem Eid, Ihr verstellt Euch! Was habt Ihr versprochen? Und wem? Einem Mann, der seine Pflicht gegen den Kaiser und das Reich verkennt, in eben dem Augenblick Pflicht zu leisten, da er durch Eure Gefangennehmung in die Strafe der Acht verfällt. Pflicht zu leisten! die nicht gültiger sein kann als ein ungerechter, gezwungener Eid! Entbinden nicht unsere Gesetze von solchen Schwüren? Macht das Kindern weis, die den Rübezahl glauben. Es stecken andere Sachen dahinter. Ein Feind des Reichs zu werden, ein Feind der bürgerlichen Ruh und Glückseligkeit! Ein Feind des Kaisers! Geselle eines Räubers! du, Weislingen, mit deiner sanften Seele!

WEISLINGEN: Wenn Ihr ihn kenntet –

ADELHEID: Ich wollt ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er hat eine hohe, unbändige Seele. Eben darum wehe dir, Weislingen! Geh und bilde dir ein, Geselle von ihm zu sein. Geh und laß dich beherrschen! Du bist freundlich, gefällig –

WEISLINGEN: Er ist's auch.

ADELHEID: Aber du bist nachgebend und er nicht! Unversehens wird er dich wegreißen, du wirst ein Sklave eines Edelmanns werden, da du Herr von Fürsten sein könntest. – Doch es ist Unbarmherzigkeit, dir deinen zukünftigen Stand zu verleiden.

WEISLINGEN: Hättest du gefühlt, wie liebreich er mir begegnete!

ADELHEID: Liebreich! Das rechnest du ihm an? Es war seine Schuldigkeit; und was hättest du verloren, wenn er widerwärtig gewesen wäre? Mir hätte das willkommner sein sollen. Ein übermütiger Mensch wie der –

WEISLINGEN: Ihr redet von Euerm Feind.

ADELHEID: Ich redete für Eure Freiheit – Und weiß überhaupt nicht, was ich vor einen Anteil dran nehme. Lebt wohl!

WEISLINGEN: Erlaubt noch einen Augenblick. Er nimmt ihre Hand und schweigt.

ADELHEID: Habt Ihr mir noch was zu sagen?

WEISLINGEN: – Ich muß fort.

ADELHEID: So geht.

WEISLINGEN: Gnädige Frau! – Ich kann nicht.

ADELHEID: Ihr müßt

WEISLINGEN: Soll das Euer letzter Blick sein?

ADELHEID: Geht! Ich bin krank, sehr zur ungelegnen Zeit.

WEISLINGEN: Seht mich nicht so an!

ADELHEID: Willst du unser Feind sein, und wir sollen dir lächeln? Geh!

WEISLINGEN: Adelheid!

ADELHEID: Ich hasse Euch!

Franz kommt.

FRANZ: Gnädiger Herr! Der Bischof läßt Euch rufen.

ADELHEID: Geht! Geht!

FRANZ: Er bittet Euch, eilend zu kommen.

ADELHEID: Geht! Geht!

WEISLINGEN: Ich nehme nicht Abschied,

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