Ungekürztes Werk "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 28)
auf ihren Schlössern ruhig zu bleiben und nicht aus ihrem Bann zu gehen. Bei der nächsten Session will ich's vortragen.
WEISLINGEN: Ein freudiger beistimmender Zuruf wird Eurer Majestät das Ende der Rede ersparen. Ab.
Jagsthausen
Sickingen. Berlichingen.
SICKINGEN: Ja, ich komme, Eure edle Schwester um ihr Herz und ihre Hand zu bitten.
GÖTZ: So wollt ich, Ihr wärt eher kommen. Ich muß Euch sagen: Weislingen hat während seiner Gefangenschaft ihre Liebe gewonnen, um sie angehalten, und ich sagt sie ihm zu. Ich hab ihn losgelassen, den Vogel, und er verachtet die gütige Hand, die ihm in der Not Futter reichte. Er schwirrt herum, weiß Gott auf welcher Hecke seine Nahrung zu suchen.
SICKINGEN: Ist das so?
GÖTZ: Wie ich sage.
SICKINGEN: Er hat ein doppeltes Band zerrissen. Wohl Euch, daß Ihr mit dem Verräter nicht näher verwandt worden.
GÖTZ: Sie sitzt, das arme Mädchen, verjammert und verbetet ihr Leben.
SICKINGEN: Wir wollen sie singen machen.
GÖTZ: Wie! Entschließet Ihr Euch, eine Verlaßne zu heiraten?
SICKINGEN: Es macht Euch beiden Ehre, von ihm betrogen worden zu sein. Soll darum das arme Mädchen in ein Kloster gehn, weil der erste Mann, den sie kannte, ein Nichtswürdiger war? Nein doch! ich bleibe darauf, sie soll Königin von meinen Schlössern werden.
GÖTZ: Ich sage Euch, sie war nicht gleichgültig gegen ihn.
SICKINGEN: Traust du mir nicht zu, daß ich den Schatten eines Elenden sollte verjagen können? Laß uns zu ihr! Ab.
Lager der Reichsexekution
Hauptmann. Offiziere.
HAUPTMANN: Wir müssen behutsam gehn und unsere Leute soviel möglich schonen. Auch ist unsere gemessene Ordre, ihn in die Enge zu treiben und lebendig gefangenzunehmen. Es wird schwerhalten, denn wer mag sich an ihn machen?
ERSTER OFFIZIER: Freilich! Und er wird sich wehren wie ein wildes Schwein. Überhaupt hat er uns sein Lebelang nichts zuleid getan, und jeder wird's von sich schieben, Kaiser und Reich zu Gefallen Arm und Bein daranzusetzen.
ZWEITER OFFIZIER: Es wäre eine Schande, wenn wir ihn nicht kriegten. Wenn ich ihn nur einmal beim Lappen habe, er soll nicht loskommen.
ERSTER OFFIZIER: Faßt ihn nur nicht mit Zähnen, er möchte Euch die Kinnbacken ausziehen. Guter junger Herr, dergleichen Leut packen sich nicht wie ein flüchtiger Dieb.
ZWEITER OFFIZIER: Wollen sehn.
HAUPTMANN: Unsern Brief muß er nun haben. Wir wollen nicht säumen und einen Trupp ausschicken, der ihn beobachten soll.
ZWEITER OFFIZIER: Laßt mich ihn führen.
HAUPTMANN: Ihr seid der Gegend unkundig.
ZWEITER OFFIZIER: Ich hab einen Knecht, der hier geboren und erzogen ist.
HAUPTMANN: Ich bin's zufrieden. Ab.
Jagsthausen
Sickingen.
SICKINGEN: Es geht alles nach Wunsch; sie war etwas bestürzt über meinen Antrag und sah mich vom Kopf bis auf die Füße an; ich wette, sie verglich mich mit ihrem Weißfisch. Gott sei Dank, daß ich mich stellen darf. Sie antwortete wenig, und durcheinander; desto besser! Es mag eine Zeit kochen. Bei Mädchen, die durch Liebesunglück gebeizt sind, wird ein Heiratsvorschlag bald gar.
Götz kommt.
SICKINGEN: Was bringt Ihr, Schwager?
GÖTZ: In die Acht erklärt.
SICKINGEN: Was?
GÖTZ: Da lest den erbaulichen Brief! Der Kaiser hat Exekution gegen mich verordnet, die mein Fleisch den Vögeln unter dem Himmel und den Tieren auf dem Felde zu fressen vorschneiden soll.
SICKINGEN: Erst sollen sie