Johann Wolfgang Goethe: Interpretation "Faust I und II"

Diese schon alttestamentarisch verbürgte und das Christentum und damit die abendländische Moral prägende 'Verteufelung' des Sexuellen ist freilich in keiner Weise einzusehen. Als Gegenentwurf steht hier die antike Kultur, die einen derart schuldbehafteten Eros nicht kennt. Helena im zweiten Teil des Faust wird somit zum Gegenbild Gretchens. Sie hat schon einiges hinter sich: "Du aber hochbegünstigt, sonder Maß und Ziel, / In Lebensreihe sahst nur Liebesbrünstige, / Entzündet rasch zum kühnsten Wagstück jeder Art." Ausgerechnet Mephisto in der Verkleidung der Phorkyas wirft Helena ihre zahlreichen Liehaber vor. Dass Mephisto in allen dem Bereich der Antike zugeordneten Szenen wenig bis gar nichts vermag, macht deutlich, dass die griechisch-heidnische Vorstellungswelt als integrativer Bestandteil der Fausttragödie ein gleichberechtigtes Alternativkonzept zur christlichen Moral – zu der eben auch der Teufel gehört – bietet.

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich ganz von selbst: Der erste Teil des Faust ist ohne den zweiten gar nicht denkbar. Ein großer Aufwand wäre schmählich vertan, wenn sich Vor- und Nachteile von Fausts Teufelspakt auf die Verführung eines jungen Mädchens und dessen unseliges Ende beschränken würden. Das wäre ein bürgerliches Trauerspiel, nichts weiter. Dass der Faust zum Menschheitsdrama wird, verdankt er erst dem zweiten Teil, der vor allem in der klassischen Walpurgisnacht und der Helena-Handlung Raum und Zeit transzendiert, aber die Ur-Polarität von Trieb und Geist eben auch um die Polarität von nordisch-christlich und südlich-antik erweitert und differenziert, deren Synthese in der Gestalt des hochfliegenden, aber in seiner Maßlosigkeit lebensunfähigen Euphorion letztlich scheitert. (In Euphorion hat Goethe übrigens ein Bild des griechenlandbegeisterten romantischen Dichters Lord Byron gezeichnet, der als Teilnehmer am hellenischen Freiheitskampf stirbt).

War der Faust des ersten Teils ursprünglich bestimmt vom Streben nach Erkenntnis, also geistigem Durchdringen der Welt, so ist er vom Auftreten Mephistos an bis zum Ende der Helena-Geschichte auf verschiedenen Stufen dem Lebensgenuß ergeben: "Dem Taumel weih’ ich mich, dem schmerzlichsten Genuß, / [...] Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist, / Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen." Dessen Eignung zu dauerhaftem Glück misstraut er freilich von Anfang an: "Kannst du mich mit Genuß betrügen – / Das sei für mich der letzte Tag! /[...] Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch, du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn."