Ungekürztes Werk "Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch" von Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen (Seite 378)

mit uns wieder in sein Vatterland zu machen, antwortet er: »Mein Gott, was wollt Ihr mich zeichen? hier ist Fried, dort ist Krieg; hier weiß ich nichts von Hoffart, vom Geiz, vom Zorn, vom Neid, vom Eifer, von Falschheit, von Betrug, von allerhand Sorgen beides um Nahrung und Kleidung noch um Ehr und Reputation; hier ist eine stille Einsame ohne Zorn, Hader und Zank; eine Sicherheit vor eitlen Begierden, ein Festung wider alles unordenliches Verlangen; ein Schutz wider die vielfältige Strick der Welt und ein stille Ruhe, darinnen man dem Allerhöchsten allein dienen, seine Wunder betrachten, und ihn loben und preisen kann; als ich noch in Europa lebte, war alles (ach Jammer! daß ich solches von Christen zeugen soll) mit Krieg, Brand, Mord, Raub, Plünderung, Frauen und Jungfrauen schänden etc. erfüllt; als aber die Güte Gottes solche Plagen samt der schröcklichen Pestilenz und dem grausamen Hunger hinwegnahm, und dem armen bedrangten Volk zum besten den edlen Frieden wieder sendete, da kamen allerhand Laster des Wollusts, als Fressen, Saufen und Spielen; Huren, Buben und Ehebrechen; welche den ganzen Schwarm der anderen Laster alle nach sich ziehen, bis es endlich so weit kommen, daß je einer durch Unterdruckung des andern sich groß zu machen, offentlich praktiziert, dabei dann kein List, Betrug und politische Spitzfindigkeit gespart wird; und was das allerärgste, ist dieses, daß keine Besserung zu hoffen, indem jeder vermeinet, wann er nur zu acht Tagen wanns wohlgerät dem Gottesdienst beiwohne, und sich etwan das Jahr einmal vermeintlich mit Gott versöhne, er habe es, als ein frommer Christ, nit allein alles wohl ausgerichtet, sondern Gott seie ihm noch dazu um solche laue Andacht viel schuldig; sollte ich nun wieder zu solchem Volk verlangen? müßte ich nit besorgen wann ich diese Insul, in welche mich der liebe Gott ganz wunderbarlicherweis versetzt, wiederum quittierte, es würde mir auf dem Meer wie dem Jonae ergehen? Nein!« sagte er, »vor solchen Beginnen wolle mich Gott behüten.«

Wie ich nun sahe, daß er so gar keinen Lust hatte, mit uns abzufahren, fienge ich einen andern Diskurs an, und fragte ihn, wie er sich dann so einig und allein ernähren und behelfen könnte? Item ob er sich, in dem er so viel hundert und tausend Meilen von andern lieben Christenmenschen abgesondert lebe, nicht förchte; sonderlich ob er nicht bedenke, wann sein Sterbstündlein herbeikomme, wer ihm alsdann mit Trost, Gebett, geschweige der Handreichung, so ihm in seiner Krankheit vonnöten sein würde, zu Hülf und Statten kommen werde; ob er alsdann nit von aller Welt verlassen sein und wie ein wildes Tier oder Vieh dahinsterben müßte? Darauf antwortet er mir, was seine Nahrung anlange, versorge ihn die Güte Gottes mit mehrem als seiner Tausend genießen könnten; er hätte gleichsam alle Monat durchs Jahr ein sondere Art Fisch zu genießen, die in und vor dem sießen Wasser der Insul zu laichen ankämen; solche Wohltaten Gottes genieße er auch von dem Geflügel so von einer Zeit zur andern sich bei ihm niederließen, entweder zu ruhen und sich zu speisen oder Eier zu legen

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