Ungekürztes Werk "Die Elixiere des Teufels" von E. T. A. Hoffmann (Seite 96)

lautes Sprechen. Wie ist es damit?« – »Ich habe die Gewohnheit«, erwiderte ich so ruhig, als es mir nur möglich war, »laut und stark im Schlafe zu reden, und führte ich auch im Wachen Selbstgespräche, so glaube ich, daß mir dies wohl erlaubt sein wird.« – »Wahrscheinlich«, fuhr der Kerkermeister fort, »ist Ihnen bekanntgeworden, daß jeder Versuch zu entfliehen, jedes Einverständnis mit den Mitgefangenen hart geahndet wird.« – Ich beteuerte, nichts dergleichen hätte ich vor. – Ein paar Stunden nachher führte man mich hinauf zum Kriminalgericht. Nicht der Richter, der mich zuerst vernommen, sondern ein anderer, ziemlich junger Mann, dem ich auf den ersten Blick anmerkte, daß er dem vorigen an Gewandtheit und eindringendem Sinn weit überlegen sein müsse, trat freundlich auf mich zu und lud mich zum Sitzen ein. Noch steht er mir gar lebendig vor Augen. Er war für seine Jahre ziemlich untersetzt, sein Kopf beinahe haarlos, er trug eine Brille. In seinem ganzen Wesen lag so viel Güte und Gemütlichkeit, daß ich wohl fühlte, gerade deshalb müsse jeder nicht ganz verstockte Verbrecher ihm schwer widerstehen können. Seine Fragen warf er leicht, beinahe im Konversationston hin, aber sie waren überdacht und so präzis gestellt, daß nur bestimmte Antworten erfolgen konnten. »Ich muß Sie zuvörderst fragen«, so fing er an, »ob alles das, was Sie über Ihren Lebenslauf angegeben haben, wirklich ergründet ist oder ob bei reiflichem Nachdenken Ihnen nicht dieser oder jener Umstand einfiel, den Sie noch erwähnen wollen?«

»Ich habe alles gesagt, was ich über mein einfaches Leben zu sagen wußte.«

»Haben Sie nie mit Geistlichen ..., mit Mönchen Umgang gepflogen?«

»Ja, in Krakau ..., Danzig ..., Frauenburg ..., Königsberg. Am letztern Orte mit den Weltgeistlichen, die bei der Kirche als Pfarrer und Kapellan angestellt waren.«

»Sie haben früher nicht erwähnt, daß Sie auch in Frauenburg gewesen sind?«

»Weil ich es nicht der Mühe wert hielt, eines kurzen, wie mich dünkt, achttägigen Aufenthaltes dort auf der Reise von Danzig nach Königsberg zu erwähnen.«

»Also in Kwiecziczewo sind Sie geboren?« Dies frug der Richter plötzlich in polnischer Sprache, und zwar in echt polnischem Dialekt, jedoch ebenfalls ganz leichthin. Ich wurde in der Tat einen Augenblick verwirrt, raffte mich jedoch zusammen, besann mich auf das wenige Polnische, was ich von meinem Freunde Krczynski im Seminar gelernt hatte, und antwortete:

»Auf dem kleinen Gute meines Vaters bei Kwiecziczewo.« – »Wie hieß dieses Gut?«

»Krcziniewo, das Stammgut meiner Familie.«

»Sie sprechen für einen Nationalpolen das Polnische nicht sonderlich aus. Aufrichtig gesagt, in ziemlich deutschem Dialekt. Wie kommt das?«

»Schon seit vielen Jahren spreche ich nichts als Deutsch. Ja selbst schon in Krakau hatte ich viel Umgang mit Deutschen, die das Polnische von mir erlernen wollten; unvermerkt mag ich ihren Dialekt mir angewöhnt haben, wie man leicht provinzielle Aussprache annimmt und die bessere, eigentümliche darüber vergißt.«

Der Richter blickte mich an, ein leises Lächeln flog über sein Gesicht, dann wandte er sich zum Protokollführer und diktierte ihm leise etwas. Ich unterschied deutlich die Worte: »Sichtlich in Verlegenheit« und wollte mich eben noch mehr über mein schlechtes Polnisch auslassen, als der Richter frug:

»Waren Sie

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