Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 9)

war nun alles getan und vorbereitet; ein Mann hatte den Koffer nach der Post geholt – es war eine Totenstille in der Stube. Die Morgensonne umzirkelte die altertümlichen, ererbten Porzellantassen, welche Heinrich schon zwanzig Jahre lang durch die Hände seiner Mutter gehen sah, ohne daß je eine zerbrochen wäre. Es war ein feierlicher Moment gewesen, als er für würdig erfunden ward, sein Kinderschüsselchen mit einer dieser bunten und vergoldeten Tassen versuchsweise zu vertauschen.

Frau Lee hätte ihrem Sohne noch gern allerlei gesagt; aber sie konnte mit ihm gar nicht sentimental sprechen, so wenig als er mit ihr. Endlich sagt sie schüchtern und abgebrochen:

»Werde nur nicht leichtsinnig und vergiß nicht, daß wir eine Vorsehung haben! Denke an den lieben Gott, so wird er auch an dich denken, und mach, daß du bald etwas lernst und endlich selbständig werdest; denn du weißt genau, wieviel du noch zu verbrauchen hast und daß ich dir nachher nichts mehr werde schicken können, das heißt, wenn es dir übel ergehen sollte, so schreibe mir ja, so lange du weißt, daß ich selbst noch einen Pfennig besitze, ich könnte es doch nicht ertragen, dich im Elend zu wissen.«

Der Sohn schaute während dieser Anrede stumm in seine Tasse und schien nicht sehr gerührt zu sein. Die Mutter erwartete aber keine andern Gebärden, sie wußte schon, woran sie war, und fühlte sich etwas erleichtert. Ach, du lieber Himmel! dachte sie, eine Witwe muß doch alles auf sich nehmen; diese Ermahnungen zu erteilen, dazu gehört eigentlich ein Vater, eine Frau kann solche Dinge nicht auf die rechte Weise sagen; wenn das arme Kind nicht zurecht kommt, wie werde ich die Sorge mit dem gehörigen klugen Ernste vereinigen können?

Heinrich aber war jetzt mit seinen Gedanken schon weit in der Ferne; die Neugierde, die Hoffnung, Lebens- und Wanderlust hatten ihn mächtig angewandelt und die Ungeduld übernahm ihn. Er sprang auf und sagte: »Jetzt muß ich gehen, leb wohl, Mutter!« Die Tränen stürzten ihr in die Augen, als sie ihm die Hand gab, und er fühlte, als er vor ihr her die vier Treppen hinab eilte, daß sein Gesicht ganz heiß wurde, aber er bezwang sich. Die Hausgenossen kamen auch noch unter die Haustüre, wo Heinrich allen zumal noch die Hand gab, ohne seine Mutter dabei stark auszuzeichnen, wenn man einen letzten flüchtigen und wehmütigen Blick, den er auf sie warf, ausnehmen will. Das Volk, das mit der äußern Sorge sein Leben lang zu kämpfen hat, erweist sich selbst wenig sichtbare Zärtlichkeit. Von verwandtschaftlichen Umarmungen und Küssen ist wenig zu finden; niemand küßt sich als die Kinder und die Liebenden und selbst diese mit mehr Dezenz als die gebildete und sich bewußte Gesellschaft. Daß Männer einander küßten, wäre unerhört und überschwenglich lächerlich. Nur große Ereignisse und Schicksale können hierin eine Ausnahme bewirken.

Als Heinrich Lee mit schnellen Schritten nach dem Posthause hinlief und einige Minuten darauf oben auf dem schwerfälligen Wagen sitzend über die Brücke und neben dem Flusse das enge Tal entlang fuhr, mit begeisterten Augen das offene Land erwartend, die Primel noch auf

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