Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 27)
ist so lang als ich.‹ – ›Nein,‹ unterfuhr ich, ›dann ist er kürzer als ich; eine Frau, die so lang ist als ein Mann, ist länger als ein Mann.‹ – Es schwollen beinahe Giftblasen mir auf, gesteh' ich gern. Es verdroß mich das ewige Prahlen mit der körperlichen Ähnlichkeit Theudobachs bei so wenig geistiger. Ich denke an seine unritterliche Furcht und an meine Perücke beim Wagen-Umwurf. Er wollte sich an meinen Kopf anhalten, um seinen zu retten. Raufen aber ist eine eigne Weise, einem Mädchen den Kopf zu verrücken. Mein Vater wird ihn mit dieser Perücke, womit er in die Grube gefahren, noch oft fegen, wie die Bedienten in Irland damit die Treppen kehren.
Freilich wars an ihn eine dumme Mädchenfrage, die ich nachher getan, wie ich Dir beichten will. Aber wer machts denn anders? Die Leserinnen eines Dichters sind alle seine heimlichen Liebhaberinnen – die Jünglinge machen es mit Dichterinnen auch nicht besser –; und wir denken bei einem Genie, der Ehre unseres Geschlechts wegen, zuerst an die Frau, die der große Mann uns allen vorgezogen, und die wir als die Gesandtin unseres Geschlechts an ihn abgeschickt. Auf seine Frau sind wir sogar neugieriger als auf seine Kinder, die er ja nur bekommen und selten erzieht. Ob ich mich gleich einmal tapfer gegen meinen Vater gewehrt, da er sagte, an einem Poeten zögen wir den Kniefall dem Silbenfall vor, ein Paar Freierfüße sechs Versfüßen, Schäferstunden den Schäferliedern und wären gern die Hausehre einer Deutschlands-Ehre: so hatt er doch halb und halb recht. – Die dumme Mädchenfrage war nämlich die: ob der Dichter eine Braut habe. – ›Wenigstens bei meiner Abreise noch nicht‹, versetzte Nieß. – ›O, ich wüßte‹, sagt' ich, ›nichts Rührenderes, als eine Jungfrau mit dem Edlen am Traualtar stehen zu sehen, welchen sie im Namen einer Nachwelt belohnen soll; sie sollte mir meine heiligste Schwester sein, und ich wollte sie lieben wie ihn.‹ – ›Wahrlich, Sie könnten es‹, sagte Nieß mit unnütz-feiner Miene.
O Gott, zanke nur hier über nichts, Du Hellseherin. Ach, mein Gesicht-Lärvchen – wahrlich, mehr eine komische als tragische Maske – gibt mir keine Einbildungen, weil ich doch damit keinem Manne gefallen kann als einem halbblinden, der, wie Du, nichts verlangt als ein Herz; aber der freilich sollte dieses denn auch ganz haben mit allen Kammern und Herzohren und Flämmchen darin und mein kleines Leben hinterdrein.
Ich wollt, es gäbe gar keine Männer, sondern die göttlichsten Sachen würden bloß von Weibern geschrieben; warum müssen gerade jene einfältigen Geschöpfe so viel Genie haben und wir nichts? – Ach, wie könnte man einen Rousseau liebhaben, wenn er eine Frau wäre!
Gute Nacht, meine Seele! So viel Himmel als nur hineingeht, komme in Dein Herzchen!
Th.«
Vierzehnte Summula
Mißgeburten-Adel
Der Wirt, der die Gesellschaft immer hinter Büchern und Schreibfedern sah, vermutete, er könne sie als Ziehbrunnen benutzen und seinen Eimer einsenken; er brachte ein Werk in Folio und eins in Oktav zum Verkaufe getragen. Das kleinere war ein zerlesener Band von Theudobachs »Theater«. Aber der Doktor sagte, es sei kein Kauf für