Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 28)

das Gewissen seiner Tochter, da das Buch vielleicht aus einer Leihbibliothek unrechtmäßig versetzt sei. Auch fragt' er sie, ob sie denn nicht glaube, daß in Maulbronn der Dichter selber sie als seine so warme Anbeterin und Götzen-Dienerin, mit einem schönen Freiexemplare überraschen werde, das er wieder selber umsonst habe vom Verleger. »Ich komme ihm zuvor«, sagte Nieß, »ich habe von ihm selber fünf Prachtexemplare zum Geschenk und gebe gern eines davon um den Preis hin, den es mich kostet.« Theoda hatte Zweifel über das Annehmen, aber der Vater schlug alle nieder und sagte zum Edelmanne mit närrischen Grimassen: »Herr v. Nieß, ich mache von so etwas Genießbarem Nießbrauch sowie von allen kostspieligen Auslagen, die Sie bisher auf der Reise vorschossen, weil Sie vielleicht wissen, daß ich ein schlechter Zahl- und Rechenmeister bin; aber am Ende der Reise, hoffe ich, sollen Sie mich kennenlernen.« Nieß bat Theoda, in sein Zimmer zu folgen, wo er ihr vom Dichter vielleicht noch etwas Lieberes zu geben habe als das Gedruckte.

Er führte sie vor die obengedachte Fensterscheiben-Inschrift. Als sie die Theudobachische Hand und die schönen Liebeworte erblickte und nun gewiß wußte, daß sie, den Boden und die Nachbarschaft mit ihrem Helden teilend, gleichsam in dessen Atmosphäre gekommen, wie die Erde in die der Sonne*: so zitterte das Herz vor Lust, und die Prachtausgabe verlor fast gegen die Fenster-Schrift. Nieß sah das feuchte Auge und hielt sich mit Gewalt, um nicht mit dem Bekenntnis seines zweiten Namens ihr ans Herz zu fallen; aber ihre Hand drückte er heftig und malte gerührt den Theaterstreich am Fenster nicht weiter aus.

Beide gingen halb trunken zum Doktor zurück. Dieser hatte eben teuer den Folioband vom Wirte erhandelt, nämlich Sömmerings »Abbildungen und Beschreibungen einiger Mißgeburten, die sich ehemals auf dem anatomischen Theater zu Kassel befanden«, Fol., Mainz 1791. Nicht nur das Paar, auch der Wirt sah, mit welchem Entzücken er die Mißgeburten verschlang. Da nun ein Wirt, wie jeder Handelmann, bei jedem Käufer ungern aufhört zu verkaufen, so sagte der Wirt: »Ich bin vielleicht imstande, einem Liebhaber mit einer der veritabelsten ausgestopften Mißgeburten aufzuwarten, die je auf acht Beinen herumgelaufen.« – »Wie, wo, wenn, was?« rief der Doktor, auf den Gastwirt rennend. – »Gleich!« versetzte dieser und entschoß.

»Gott gebe doch«, fing Katzenberger an, gegen den Edelmann sich wendend, »daß er etwas wahrhaft Mißgebornes bringt. Ich weiß nicht, haben Sie meine de monstris epistola gelesen oder nicht; inzwischen habe ich darin ohne Bedenken die allgemeine Gleichgültigkeit gegen echte Mißgeburten gerügt und es frei herausgesagt, wie man Wesen vernachlässigt, die uns am ersten die organischen Baugesetze, eben durch ihre Abweichungen gotischer Bauart, lehren können. Gerade die Weise, wie die Natur zufällige Durchkreuzungen und Aufgaben (z.B. zweier Leiber mit einem Kopfe) doch organisch aufzulösen weiß, dies belehrt. Sagen Sie mir nicht, daß Mißgeburten nicht bestehen, als widernatürlich; jede mußte einmal natürlich sein, sonst hätte sie nicht bis zum Leben und Erscheinen bestanden; und wissen wir denn, welche versteckte organische Mißteile und Überteile eben auch Ihrem oder meinem Bestehen zuletzt die Ewigkeit nehmen? Alles Leben,

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