Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 53)

Streit- und Siegwagen Vorleser eigner Sachen gleichwohl manches leise Wort, das darüber ausfliegt. Nieß vernahm mitten im Dichter-Sturm sehr gut Theodas Wort: »Ja, er ists und hat sich selber kopiert im Ritter.« – »Und tut doch immer«, sagte die Nachbarin »als ginge ihm das ganze Gedicht nichts an.« Es war Nießen auf keine Weise möglich, bei solchen Aussprüchen, daß er da sei und sich im alten Ritter selber getroffen habe, und bei dem allgemeinen Klatschen und Anblicken und Anfragen der Bewunderung sich etwa in den Kopf zu setzen, er sei gar nicht gemeint, nur der neue Soldat. Sondern eine wärmere Minute und höhere Stelle, um sich zu enthüllen und zu entwölken – dies sah er wohl ein –, könnte kein Sternseher für ihn errechnen, als der Kulmination- und Scheitelpunkt war, den er eben vor sich hatte, um die Wolke des Inkognito seinem Phöbus auszuziehen. Zum Glück war er früher darauf gerüstet und hatte daher – da er längst wußte, daß die Menschen die ersten Worte eines großen Mannes, sogar die kahlsten, länger behalten und umtragen als die besten nach einem Umgange von Jahren – schon auf der Kunststraße, zehn Meilen vom Lesesaal, folgende improvisierende Anrede ausgearbeitet:

»Ehrwürdige Versammlung, fänd ich nur die ersten Worte! Auf eine solche Sympathie einer so gebildeten Gesellschaft mit mir durft ich ohne Eigenliebe nicht rechnen. Aber eine Herzergießung verdient die andere, und ich gebe mich willig dem Ungestüm der Augenblicke preis. Möge, ihr Herrlichen, euch jeder Schleier des Lebens so abgehoben werden als jetzt, und nie decke sich euch ein Leichenschleier statt eines Brautschleiers auf. – Ich war nämlich mein eigner Vorläufer; denn ich bin wirklich der Theudo­bach, dessen Ankunft ich auf heute in Briefen ansagte.«

»Der sind Sie nicht, mein Herr«, sagte der Hauptmann, »ich heiße von Theudobach – Sie aber, wie ich höre, Herr von Nieß. – Was Sie für Ihre Werke ausgeben, sind ganz andere und die meinigen.«

Nieß blickte ihm ganz erstarrt ins Gesicht. – Besonnener springt der Mensch plötzlich zu hoch als zu tief – Theudobach stand fast gebietend mit seinem Macht-Gesicht, Krieger-Auge, hohen Wuchs neben dem zu kurzen Dichter, von welchem nun jedes Weiber-Auge abfiel; aber er ermannte sich und sagte: »Ich kenne Sie nicht, aber Deutschland mich.« – – »Herr von Nieß, versetzte Theudobach, »dasselbe ist gerade mein Fall«.

Unversehens trat Theoda, welche längst vor Begeisterung unbewußt aufgestanden war, aus der verblüfften Schwester-Gemeinde heraus vor Theudo­bach und sagte zu ihm im hohen Zürnen gegen den vieldeutigen Nieß: »Sie sind der Mann, den wir alle achten, oder aller Glaube lügt.« Der Hauptmann sah das kühne Feuer-Mädchen verwundert an und wollte erwidern; aber Nieß rief zornig dazwischen: »An mich haben Sie geschrieben, nicht an diesen Herrn, meld ich jetzt; und ich an Sie.« – »O Gott, ich?« sagte Theoda.

»Mein Name Theudobach, Herr von Nieß, ist kein angenommener, ich habe nur einen; und es gibt nur meinen noch in der Welt; Sie führen eingestanden zwei, wovon ich nur den meinigen reklamiere und Ihnen den Ihrigen billig lasse. In der ›Allgemeinen Deutschen Bibliothek‹ können Sie meinen

Seiten