Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 74)

gehenden Perpendikelarmen so geschickt vor, daß er, wie ein trabendes Pferd, Ober- und Unterbeine in entgegengesetzter Richtung vorwärts und hinterwärts schlug; – und die ganze Badgesellschaft sah von fernen den unbegreiflichen und unehrerbietigen Schwenkungen des Doktors vor dem Fürsten zu. »In der Tat«, sagte der Fürst lächelnd, »dies muß man versuchen, wenn auch nicht in großer Gesellschaft.« – »Dann«, fuhr der Doktor fort, »kann man noch mehr tun. Da eigentlich das Säuern oder Entkohlen des Blutes das Ziel alles Lustwandelns ist: so halt ich auf Spaziergängen meinen Mund außerordentlich weit aufgesperrt, um so die Luft stromweise in meine Lungen einzuschütten zum Oxydieren. Ja, ich darf Ihrer Durchlaucht vorschlagen, daß Sie in Zeiten, wo das Wetter nicht zum Gehen ist, dafür das Reden recht gut wählen können, weil dieses das Blut herrlich säuert durch das schnellere Einatmen der Lebensluft und das Ausatmen der Stickluft. Daher erkranken wir Professoren häufig in den Ferien durch Aussetzen der Vorlesungen, mit welchen wir uns zu säuern und zu entkohlen pflegen. Auch der treffliche, in unsern Zeiten zu wenig erwähnte Unzer, Ihro Durchlaucht, bemerkt im achtzigsten Stücke seines ›Arztes‹ ganz wahr, daß den Verrückten das unaufhörliche Sprechen und Singen die Motion ersetze.« – Da nahm endlich der Fürst von dem berühmten Gelehrten – der seinen Bücklingen mehr nur mit dem innern Menschen machen konnte, obwohl nur vor einem van Swieten, Sydenham, Haller, Swift – mit größerer Höflichkeit Abschied, als Katzenberger verhältnismäßig erwiderte, ja mit zu großer fast. Warum aber? Vielleicht, weil überhaupt Fürsten gern dem fremden Gelehrten am höflichsten begegnen – weil ihre Höflichkeit sie noch nichts kostet – weil sie ihn erst angeln wollen – weil ein von innen aus Freigemachter bei ihnen unter die Freiherren und Freifrauen tritt, d.h. unter ihresgleichen – weil die Sache ohne Folgen (gute ausgenommen) ist – weil die Fürsten gern alles tun, aber nur einmal, auch das Beste – weil die ganze Sache aber kurz abgetan und lang abgesprochen wird – weil sie einmal in Erstaunen ihrer Herablassung setzen wollen, welches bei Untertanen sie zu viel kosten würde – weil sie vom Manne später an der Tafel etwas sagen wollen und ihn also vorher etwas sagen lassen müssen – und weil sie ebendasselbe ohne alle Gründe täten, um so mehr, da sie den besagten Mann schon halb vergessen, wenn er noch dasteht, und sich nach Jahren nicht gut mehr erinnern, wer der Mensch gewesen – und endlich, weil es doch beim Himmel auch Fürsten gibt, welche, wie Friedrich II., die schönste Ausnahme machen und einen Gelehrten noch höher würdigen als ein Gelehrter.

Indes auch einheimische Schriftsteller könnten die Sache benützen und sich vor solchen von ihren Fürsten, die auf ihnen, wie Sultane auf verschnittenen niedergebückten Zwergen, sich in den Sattel schwingen wollen, geradezu als Tanzbären aufrichten und auf die Hinterfüße treten. Um so unbegreiflicher bleibt es darum, daß bisher die Ärzte und die Rechtsgelehrten gegen die höhern Stände nicht zehnmal gröber ausfallen, als sie tun, und nicht so grob, als die Virtuosen der Zeichen-, der Ton-, der Schau- und der

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