Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 73)

setzte sie sehr hoch hinauf und sagte, er habe ein kleines chemisches Traktätchen in der Tasche, worin er dargetan, der Maulbronner Brunnen vereinige, als Schwefel-Wasser, alle Kräfte des Aachner, des Zaysenhauser im Württembergischen und des Wildbads zu Abach, wie schon das häßliche Stinken nach faulen Eiern verspreche. Hier wollt er das Traktätchen aus der Tasche ziehen, brachte aber dafür einen langen Bärenkinnbacken mit Zähnen halb heraus, den er in der Bärenhöhle schon ohne Hülfe der Illumination aufgefunden und zu sich gesteckt. »Ei wie böse!« sagt' er; »hab ich die Untersuchung doch zu Hause gelassen. Aber ich habe immer die Taschen voll anatomischer Präparate!« – Der Fürst, leicht den verpönten Knochendiebstahl und willkürlichen Knochenfraß wahrnehmend, ging lächelnd darüber mit der Bitte hinweg, ihm den Traktat zu senden; und tat die Frage, ob es ihm im Bade gefalle. – »Ungemein«, versetzte er, »ob ich es gleich nicht selber gebrauche; aber für einen Arzt ist schon der Anblick so vieler Preßhaften mit ihrer unterhaltenden Mannigfaltigkeit von Beschwerden, die alle ihre eigne Diagnose verlangen und alle verschieden zu heben sind, eine Art Brunnenbelustigung, gleichsam eine volle Flora von Welkenden. Der ordentliche Brunnenarzt freut sich hier, wie ein Lumpensammler, wenn recht viel zerrissen ist; es gibt dann, unter dem Lumpenhacker, viel verklärtes feines Postpapier in die andere Welt zu liefern, und der Badeort ist ein schöner Vorhof zum Kirchhof.« Den Fürsten wunderte und erfreute am Arzte sehr die Satire auf den eigenen Stand, und er lächelte; allein er bedachte nicht, daß eigentlich jeder am meisten über seinen, als den ihm bekanntesten, der Hofmann über den Hof, der Autor über das Schriftstellerwesen, ja der Fürst über seinesgleichen Spott ausgießt, nur ihn aber andern nicht gern erlaubt. – »Raten Sie mir doch, Herr Professor«, fragte der Fürst, »welche Motion ist die beste?« – »Gehen, Durchlaucht, als die rechte Mitte zwischen Reiten und zwischen Fahren«, antwortete Katzenberger. – »Aber ich gehe täglich, und es hilft nur wenig«, versetzte der dickleibige Regent. – »Wahrscheinlich darum«, sagte der Doktor, »weil Höchstderoselben vielleicht nur mit den Füßen gehen; was zum Teil seine Nachteile hat – (der Fürst sah ihn fragend an) denn auch mit den Händen muß zu selber Zeit gegangen und sich bewegt werden, da wir Säugtiere in Rücksicht des Körpers ja Vierfüßler sind, wie Moskati sehr gut, nur mit Übertreibungen, bewiesen.« – Er setzte nun die Sache mehr ins Licht und zeigte: das Venenblut steige ohnehin schwer die Füße herauf, häufe sich aber noch mehr in ihnen an, wenn man sie allein in Bewegung und Reizung setze; und dann sei für den ganzen übrigen Blutumlauf nur schlecht gesorgt*. Daher müssen durchaus die Oberfüße oder Arme als Mitarbeiter – wenigstens von hohen Personen, die mit ihnen nicht am Sägebocke oder hinter dem Garnweberstuhl oder auf der Drechselbank hantieren wollen – gleich stark mit den Unterfüßen auf und ab geschleudert werden, zumal da schon, nach Haller in seiner Physiologie, das einfache Aufheben eines Armes den Puls um viele Schläge verstärke. Und hier machte der Doktor dem Fürsten den offizinellen Gang mit

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