Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 71)

seines Gevatters schämte; der Zoller war nämlich in der gelehrten Welt weder als großer Arzt noch sonst als großer Mann bekannt. Was er wirklich verstand – das Zollwesen – hatte Katzenberger ihm längst abgehört; aber der Doktor gehörte eben unter die Menschen, welche so lange lieben, als sie lernen – was die armen Opfer so wenig begreifen, welche nie vergessen können, daß sie einmal von dem Übermächtigen geachtet worden. –

Katzenbergers Herz war in dieser Rücksicht vielleicht das Herz manches Genies; wenigstens so etwas von moralischem Leerdarm. Bekanntlich wird dieser immer in Leichen leer gefunden – nicht weil er weniger voll wird, sondern weil er schneller verdaut und fortschafft –; und so gibts Leer-Herzen, welche nichts haben, bloß weil sie nichts behalten, sondern alles zersetzt weitertreiben.

Aber schnell nach der Einwilligung des Doktors erkannte die vorher freudenberauschte Theoda die nähern Umstände der Zeit.

Hier fiel ihr Licht auf ihren unbesonnenen Antrag, den Gevatter totzugehen. Sie nahm ihn erschrocken zurück und schlug ihm sofort den schönern und hellern Gang vor, den in die abends erleuchtete Höhle.

Aber um sich für ihr Entsetzen zu belohnen, las sie den folgenden Brief der Kindbetterin wieder und ruhiger: »Herz! Ich darf Dir nicht viel antworten auf alle Deine gelehrten Briefe. Ich bin diese Nacht niedergekommen, und zwar mit einem herrlichen, großen Jungen, der wie das Leben selber aussieht; und ich ärgere mich nur, daß ich ihn nicht gleich an die Brust legen darf, meinen schreienden Amandus; auch ich bin nicht sonderlich schwach, ob mir gleich der Physikus Briefschreiben und Aufstehen bei Seligkeit verboten. Du hast, Du Leichte, Dein dickes Halstuch, das Du durchaus in der Abendkälte nicht entraten kannst, bei mir liegen lassen, Du Leichtsinnige, und mein einfältiger Mehlhorn konnte es in allen Kommoden nicht herausfinden, bis ich endlich selber aufstand und es erst nach einer Stunde ausstöberte, weil der Mensch den Schal für einen Mantel oder so etwas angesehen und unter die andern Sachen hineingewühlt hatte. Zur Strafe muß er Dir in der Rocktasche das bauschende Ding hintragen. Aber wie ich lese, bist Du ja um und um mit lauter Fallgruben von Mannsleuten umgeben. O, komme doch recht bald nach Pira und pflege mich, und wir wollen darüber recht ordentlich reden, denn ich kann die Feder nicht führen, wie etwa Du. Deinen Nieß könnt ich keine Stunde leiden; der Hauptmann wäre mehr mein Mann. So einen mußt Du einmal haben, einen Vernünftigen und Gesetzten, keinen Phantasten, denn ich wundere mich oft, wie Du bei Deinem Verstande und Witze, wo wir Weiber alle dumm vor Dir stehen, doch so närrisch und unüberlegt handeln und Dir oft gar nicht sogleich helfen kannst, aber doch andern die herrlichsten Ratschläge erteilst. Hätte ich Deine Feder und wäre so vif wie Du, ich wollte mich in der Welt ganz anders stehen. Jedoch bin ich herzlich zufrieden mit meinem Mehlhorn, da ers mit mir auch ist in unsrer ganzen Ehe, weil er einsieht, daß ich die Haussachen und Weltsachen so gut verstehe wie er sein Zollwesen. Nur bitte ich Dich inständig, mein Herz, lasse

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