Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 70)

Janus-Gesicht zwei einander deckende Gefühle zu beherbergen hatte, Lust und Unlust. Kurz, er bracht es bald dahin, daß er, da er anfangs so verblüfft umhersah wie ein Hamster, den ein schwüler Hornung vorzeitig aus dem Winterschlaf reißt, dann lebendig aufblickte und aufsprang. Gegen den gutmütigen Mehlhorn war aber auch Härte so leicht nicht anwendbar: er stand da mit dem weißen Vollgesicht, so lauter Nachgeben, lauter Hochachten und Hoffen und Vaterfrohlocken! Wenigstens der Teufel hätte ihn geschont.

Da ohnehin an kein Abschrecken vom Gevatter­bitten mehr zu denken war: so überschüttete ihn der Doktor mit allem, was er Bestes, nämlich Geistiges, hatte, mit Herzens-Liebe, Hochachtung, innern Freudenregungen und dergleichen, verschwenderisch, gleichsam mit einem Patengeschenk edlerer Art, um nur an schlechte, massive Gaben gar nicht zu denken. Sein Herz fühlte sich weit seliger dabei, wenn er eine geliebte Hand recht herzlich drücken und schütteln durfte, als sie füllen mußte.

Da ihm bei jeder Geburt Mißgeburten in den Kopf kamen – solche hätt er mit Jubel aus der Taufe gehoben und beschenkt mit seinem Namen Amandus –, so warf er, bei der Möglichkeit wenigstens einiger wissenschaftlichen Mißbildung, nur wie verloren die Frage hin: »Der Junge ist wohl höchst regelmäßig gebaut?« – »Herr Doktor«, versetzte der Zoller, »wahrlich, wir alle können Gott nicht genug dafür danken; er ist aber, wie die Wehmutter sagt, wie aus dem Ei geschält für sein Alter.«

»Aus dem Leuwenhoekischen Ei, für sein Alter von neun Monaten«, versetzte er etwas verdrießlich, »was? – Versteigen Sie sich doch um Gottes willen nicht mit einem Anachronismus in die Physiologie!« – »Gott, nein«, fuhr Mehlhorn fort, »und die Wöchnerin ist gottlob so frisch wie ich selber.« – »Ja, das ist sie, Gott sei Dank!« rief Theoda nach der Lesung des Briefchens von Bona, in das wir alle auch hineinsehen wollen, und stürzte vor Freude dem Zoller an den Hals, der mühsam einen dicken Schal unter der Umhalsung aus der Tasche herausarbeitete, um ihn zu übergeben. »Noch heute«, sagte sie, »geh ich zu Fuße mit Ihnen und laufe die ganze Nacht durch, denn sie verlangt mich, und nichts soll mich abhalten.« Bona hatte sie allerdings zum Schutzengel, weniger ihrer Person als des Haushaltens, angerufen, aber eigentlich nur, um selber Theodas Engel zu sein, deren unglückliche Lage, wo nicht gar unglückliche Liebe, sie nach ihren letzten Tageblättern zu kennen glaubte und zu mildern vorhatte.

Allein Mehlhorn konnte sein Ja und seine Freude über die schnelle Abreise nicht stark genug ausdrücken, sondern bloß zu schwach; denn da der Mann ­einen Tag und eine Nacht lang mit seinem Gevatter-Evangelium auf den Beinen gewesen: so sehnte er sich herzlich, in der nächsten, statt auf den Beinen, nur halb so lange auf dem Rücken zu sein im Bette. Der Vater sagte, er stemme sich nicht dagegen, gegen Theodas Abreise; überall laß er ihr Freiheit. Er sah zwar leicht voraus, daß sie der Umgelder, als galanter Herr, unterwegs kostfrei halten würde; aber solchen elenden Geldrücksichten hätt er um keinen Preis die Freiheit und die Freilassung einer volljährigen Tochter geopfert. Dazu kam, daß er sich öffentlich

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