Ungekürztes Werk "Wilhelm Tell" von Friedrich Schiller (Seite 27)

die Gletscher, die des Nachts so donnern,

Und uns die Schlaglawinen niedersenden.

TELL: So ist's, und die Lawinen hätten längst

Den Flecken Altorf unter ihrer Last

Verschüttet, wenn der Wald dort oben nicht

Als eine Landwehr sich dagegenstellte.

WALTHER nach einigem Besinnen:

Gibt's Länder, Vater, wo nicht Berge sind?

TELL: Wenn man hinuntersteigt von unsern Höhen,

Und immer tiefer steigt, den Strömen nach,

Gelangt man in ein großes ebnes Land,

Wo die Waldwasser nicht mehr brausend schäumen,

Die Flüsse ruhig und gemächlich ziehn,

Da sieht man frei nach allen Himmelsräumen,

Das Korn wächst dort in langen schönen Auen,

Und wie ein Garten ist das Land zu schauen.

WALTHER: Ei Vater, warum steigen wir denn nicht

Geschwind hinab in dieses schöne Land,

Statt daß wir uns hier ängstigen und plagen?

TELL: Das Land ist schön und gütig wie der Himmel,

Doch die's bebauen, sie genießen nicht

Den Segen, den sie pflanzen.

WALTHER: Wohnen sie

Nicht frei wie du auf ihrem eignen Erbe?

TELL: Das Feld gehört dem Bischof und dem König.

WALTHER: So dürfen sie doch frei in Wäldern jagen?

TELL: Dem Herrn gehört das Wild und das Gefieder.

WALTHER: Sie dürfen doch frei fischen in dem Strom?

TELL:

Der Strom, das Meer, das Salz gehört dem König.

WALTHER: Wer ist der König denn, den alle fürchten?

TELL: Es ist der eine, der sie schützt und nährt.

WALTHER:

Sie können sich nicht mutig selbst beschützen?

TELL:

Dort darf der Nachbar nicht dem Nachbar trauen.

WALTHER: Vater, es wird mir eng im weiten Land,

Da wohn ich lieber unter den Lawinen.

TELL: Ja wohl ist's besser, Kind, die Gletscherberge

Im Rücken haben, als die bösen Menschen.

Sie wollen vorübergehen.

WALTHER: Ei Vater, sieh den Hut dort auf der Stange.

TELL:

Was kümmert uns der Hut? Komm, laß uns gehen.

 

Indem er abgehen will, tritt ihm Frießhardt mit vorgehaltner Pike entgegen.

 

FRIESSHARDT:

In des Kaisers Namen! Haltet an und steht!

TELL greift in die Pike:

Was wollt Ihr? Warum haltet Ihr mich auf?

FRIESSHARDT:

Ihr habt's Mandat verletzt, Ihr müßt uns folgen.

LEUTHOLD:

Ihr habt dem Hut nicht Reverenz bewiesen.

TELL: Freund, laß mich gehen.

FRIESSHARDT:    Fort, fort ins Gefängnis!

WALTHER: Den Vater ins Gefängnis! Hülfe! Hülfe!

In die Szene rufend:

Herbei, ihr Männer, gute Leute helft,

Gewalt, Gewalt, sie führen ihn gefangen.

Rösselmann der Pfarrer und Petermann der Sigrist, kommen herbei,

mit drei andern Männern.

SIGRIST: Was gibt's?

RÖSSELMANN: Was legst du Hand an diesen Mann?

FRIESSHARDT:

Er ist ein Feind des Kaisers, ein Verräter!

TELL faßt ihn heftig:

Ein Verräter, ich!

RÖSSELMANN: Du irrst dich Freund, das ist

Der Tell, ein Ehrenmann und guter Bürger.

WALTHER erblickt Walther Fürsten und eilt ihm entgegen:

Großvater hilf, Gewalt geschieht dem Vater.

FRIESSHARDT: Ins Gefängnis, fort!

WALTHER FÜRST herbeieilend:

   Ich leiste Bürgschaft, haltet!

– Um Gottes willen, Tell, was ist geschehen?

Melchtal und Stauffacher kommen.

FRIESSHARDT: Des Landvogts oberherrliche Gewalt

Verachtet er, und will sie nicht erkennen.

STAUFFACHER: Das hätt der Tell getan?

MELCHTAL:  Das lügst du Bube!

LEUTHOLD: Er hat dem Hut nicht Reverenz bewiesen.

WALTHER FÜRST:

Und darum soll er ins Gefängnis? Freund,

Nimm meine Bürgschaft an und laß ihn ledig.

FRIESSHARDT:

Bürg du für dich und deinen eignen Leib!

Wir tun, was unsers Amtes – Fort mit ihm!

MELCHTAL zu den Landleuten:

Nein, das ist schreiende Gewalt! Ertragen wir's,

Daß man ihn fortführt, frech, vor unsern Augen?

SIGRIST:

Wir sind die Stärkern. Freunde, duldet's nicht,

Wir haben einen Rücken an den andern!

FRIESSHARDT:

Wer widersetzt sich dem Befehl des Vogts?

NOCH DREI LANDLEUTE herbeieilend:

Wir helfen euch. Was gibt's? Schlagt

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