Ungekürztes Werk "Wilhelm Tell" von Friedrich Schiller (Seite 28)
sie zu Boden.
Hildegard, Mechthild und Elsbeth kommen zurück.
TELL: Ich helfe mir schon selbst. Geht, gute Leute,
Meint ihr, wenn ich die Kraft gebrauchen wollte,
Ich würde mich vor ihren Spießen fürchten?
MELCHTAL zu Frießhardt:
Wag's, ihn aus unsrer Mitte wegzuführen!
WALTHER FÜRST und STAUFFACHER: Gelassen! Ruhig!
FRIESSHARDT schreit:Aufruhr und Empörung!
Man hört Jagdhörner.
WEIBER: Da kommt der Landvogt!
FRIESSHARDT erhebt die Stimme: Meuterei! Empörung!
STAUFFACHER:
Schrei, bis du berstest, Schurke!
RÖSSELMANN und MELCHTAL: Willst du schweigen?
FRIESSHARDT ruft noch lauter:
Zu Hülf, zu Hülf den Dienern des Gesetzes.
WALTHER FÜRST:
Da ist der Vogt! Weh uns, was wird das werden!
Geßler zu Pferd, den Falken auf der Faust, Rudolf der Harras,
Berta und Rudenz, ein großes Gefolge von bewaffneten Knechten,
welche einen Kreis von Piken um die ganze Szene schließen.
RUDOLF DER HARRAS:
Platz, Platz dem Landvogt!
GESSLER: Treibt sie auseinander!
Was läuft das Volk zusammen? Wer ruft Hilfe?
Allgemeine Stille.
Wer war's? Ich will es wissen. Zu Frießhardt:
Du tritt vor!
Wer bist du und was hältst du diesen Mann?
Er gibt den Falken einem Diener.
FRIESSHARDT:
Gestrenger Herr, ich bin dein Waffenknecht
Und wohlbestellter Wächter bei dem Hut.
Diesen Mann ergriff ich über frischer Tat,
Wie er dem Hut den Ehrengruß versagte.
Verhaften wollt ich ihn, wie du befahlst,
Und mit Gewalt will ihn das Volk entreißen.
GESSLER nach einer Pause:
Verachtest du so deinen Kaiser, Tell,
Und mich, der hier an seiner Statt gebietet,
Daß du die Ehr versagst dem Hut, den ich
Zur Prüfung des Gehorsams aufgehangen?
Dein böses Trachten hast du mir verraten.
TELL: Verzeiht mir lieber Herr! Aus Unbedacht,
Nicht aus Verachtung Eurer ist's geschehn,
Wär ich besonnen, hieß ich nicht der Tell,
Ich bitt um Gnad, es soll nicht mehr begegnen.
GESSLER nach einigem Stillschweigen:
Du bist ein Meister auf der Armbrust, Tell,
Man sagt, du nähmst es auf mit jedem Schützen?
WALTHER TELL:
Und das muß wahr sein, Herr – 'nen Apfel schießt
Der Vater dir vom Baum auf hundert Schritte.
GESSLER: Ist das dein Knabe, Tell?
TELL:Ja, lieber Herr.
GESSLER: Hast du der Kinder mehr?
TELL: Zwei Knaben, Herr.
GESSLER: Und welcher ist's, den du am meisten liebst?
TELL: Herr, beide sind sie mir gleich liebe Kinder.
GESSLER:
Nun Tell! Weil du den Apfel triffst vom Baume
Auf hundert Schritte, so wirst du deine Kunst
Vor mir bewähren müssen – Nimm die Armbrust –
Du hast sie gleich zur Hand – und mach dich fertig,
Einen Apfel von des Knaben Kopf zu schießen –
Doch will ich raten, ziele gut, daß du
Den Apfel treffest auf den ersten Schuß,
Denn fehlst du ihn, so ist dein Kopf verloren.
Alle geben Zeichen des Schreckens.
TELL: Herr – Welches Ungeheure sinnet Ihr
Mir an – Ich soll vom Haupte meines Kindes –
– Nein, nein doch, lieber Herr, das kömmt Euch nicht
Zu Sinn – Verhüt's der gnäd'ge Gott – das könnt Ihr
Im Ernst von einem Vater nicht begehren!
GESSLER:
Du wirst den Apfel schießen von dem Kopf
Des Knaben – Ich begehr's und will's.
TELL: Ich soll
Mit meiner Armbrust auf das liebe Haupt
Des eignen Kindes zielen – Eher sterb ich!
GESSLER:
Du schießest oder stirbst mit deinem Knaben.
TELL: Ich soll der Mörder werden meines Kinds!
Herr, Ihr habt keine Kinder – wisset nicht,
Was sich bewegt in eines Vaters Herzen.
GESSLER: Ei Tell, du bist ja plötzlich so besonnen!
Man sagte mir, daß du ein Träumer seist,
Und dich entfernst von andrer Menschen Weise.
Du liebst das