Ungekürztes Werk "Wilhelm Tell" von Friedrich Schiller (Seite 26)
finstres Schloß!
– Hier ist kein Schloß. Mich scheiden keine Mauern
Von einem Volk, das ich beglücken kann!
RUDENZ:
Doch wie mich retten – wie die Schlinge lösen,
Die ich mir töricht selbst ums Haupt gelegt?
BERTA: Zerreiße sie mit männlichem Entschluß!
Was auch draus werde – Steh zu deinem Volk,
Es ist dein angeborner Platz.
Jagdhörner in der Ferne.
Die Jagd
Kommt näher – Fort, wir müssen scheiden – Kämpfe
Fürs Vaterland, du kämpfst für deine Liebe!
Es ist ein Feind, vor dem wir alle zittern,
Und eine Freiheit macht uns alle frei!
Gehen ab.
Dritte Szene
Wiese bei Altorf. Im Vordergrund Bäume, in der Tiefe der Hut
auf einer Stange. Der Prospekt wird begrenzt durch den Bannberg,
über welchem ein Schneegebirg emporragt.
Frießhardt und Leuthold halten Wache.
FRIESSHARDT:
Wir passen auf umsonst. Es will sich niemand
Heranbegeben und dem Hut sein Reverenz
Erzeigen. 's war doch sonst wie Jahrmarkt hier,
Jetzt ist der ganze Anger wie verödet,
Seitdem der Popanz auf der Stange hängt.
LEUTHOLD:
Nur schlecht Gesindel läßt sich sehn und schwingt
Uns zum Verdrieße die zerlumpten Mützen.
Was rechte Leute sind, die machen lieber
Den langen Umweg um den halben Flecken,
Eh sie den Rücken beugten vor dem Hut.
FRIESSHARDT: Sie müssen über diesen Platz, wenn sie
Vom Rathaus kommen um die Mittagstunde.
Da meint ich schon, 'nen guten Fang zu tun,
Denn keiner dachte dran, den Hut zu grüßen.
Da sieht's der Pfaff, der Rösselmann – kam just
Von einem Kranken her – und stellt sich hin
Mit dem Hochwürdigen, grad vor die Stange –
Der Sigrist mußte mit dem Glöcklein schellen,
Da fielen all aufs Knie, ich selber mit,
Und grüßten die Monstranz, doch nicht den Hut. –
LEUTHOLD: Höre Gesell, es fängt mir an zu deuchten,
Wir stehen hier am Pranger vor dem Hut,
's ist doch ein Schimpf für einen Reitersmann,
Schildwach zu stehn vor einem leeren Hut –
Und jeder rechte Kerl muß uns verachten.
– Die Reverenz zu machen einem Hut,
Es ist doch traun! ein närrischer Befehl!
FRIESSHARDT: Warum nicht einem leeren hohlen Hut?
Bückst du dich doch vor manchem hohlen Schädel.
Hildegard, Mechthild und Elsbeth treten auf mit Kindern und
stellen sich um die Stange.
LEUTHOLD:
Und du bist auch so ein dienstfert'ger Schurke,
Und brächtest wackre Leute gern ins Unglück.
Mag, wer da will, am Hut vorübergehn,
Ich drück die Augen zu und seh nicht hin.
MECHTHILD:
Da hängt der Landvogt – Habt Respekt, ihr Buben.
ELSBETH:
Wollt's Gott, er ging und ließ uns seinen Hut,
Es sollte drum nicht schlechter stehn ums Land!
FRIESSHARDT verscheucht sie:
Wollt ihr vom Platz? Verwünschtes Volk der Weiber!
Wer fragt nach euch? Schickt eure Männer her,
Wenn sie der Mut sticht, dem Befehl zu trotzen.
Weiber gehen.
Tell mit der Armbrust tritt auf, den Knaben an der Hand führend.
Sie gehen an dem Hut vorbei gegen die vordere Szene, ohne darauf
zu achten.
WALTHER zeigt nach dem Bannberg:
Vater ist's wahr, daß auf dem Berge dort
Die Bäume bluten, wenn man einen Streich
Drauf führte mit der Axt?
TELL:Wer sagt das Knabe?
WALTHER:
Der Meister Hirt erzählt's – Die Bäume seien
Gebannt, sagt er, und wer sie schädige,
Dem wachse seine Hand heraus zum Grabe.
TELL: Die Bäume sind gebannt, das ist die Wahrheit.
– Siehst du die Firnen dort, die weißen Hörner,
Die hoch bis in den Himmel sich verlieren?
WALTHER:
Das sind