Ungekürztes Werk "Wilhelm Tell" von Friedrich Schiller (Seite 30)

Waffen nicht vergebens.

Gefährlich ist's, ein Mordgewehr zu tragen,

Und auf den Schützen springt der Pfeil zurück.

Dies stolze Recht, das sich der Bauer nimmt,

Beleidiget den höchsten Herrn des Landes.

Gewaffnet sei niemand, als wer gebietet.

Freut's Euch, den Pfeil zu führen und den Bogen,

Wohl, so will ich das Ziel Euch dazu geben.

TELL spannt die Armbrust und legt den Pfeil auf:

Öffnet die Gasse! Platz!

STAUFFACHER:

Was Tell? Ihr wolltet – Nimmermehr – Ihr zittert,

Die Hand erbebt Euch, Eure Kniee wanken –

TELL läßt die Armbrust sinken:

Mir schwimmt es vor den Augen!

WEIBER: Gott im Himmel!

TELL zum Landvogt:

Erlasset mir den Schuß. Hier ist mein Herz!

Er reißt die Brust auf.

Ruft Eure Reisigen und stoßt mich nieder.

GESSLER: Ich will dein Leben nicht, ich will den Schuß.

– Du kannst ja alles, Tell, an nichts verzagst du,

Das Steuerruder führst du wie den Bogen,

Dich schreckt kein Sturm, wenn es zu retten gilt,

Jetzt Retter hilf dir selbst – du rettest alle!

Tell steht in fürchterlichem Kampf, mit den Händen zuckend,

und die rollenden Augen bald auf den Landvogt,

bald zum Himmel gerichtet – Plötzlich greift er in seinen Köcher,

nimmt einen zweiten Pfeil heraus und steckt ihn in seinen Goller.

Der Landvogt bemerkt alle diese Bewegungen.

WALTHER TELL unter der Linde:

Vater schieß zu, ich fürcht mich nicht.

TELL:Es muß!

Er rafft sich zusammen und legt an.

Rudenz der die ganze Zeit über in der heftigsten Spannung gestanden

und mit Gewalt an sich gehalten, tritt hervor:

Herr Landvogt, weiter werdet Ihr's nicht treiben,

Ihr werdet nicht – Es war nur eine Prüfung –

Den Zweck habt Ihr erreicht – Zu weit getrieben

Verfehlt die Strenge ihres weisen Zwecks,

Und allzu straff gespannt zerspringt der Bogen.

GESSLER: Ihr schweigt, bis man Euch aufruft.

RUDENZ:  Ich will reden,

Ich darf's, des Königs Ehre ist mir heilig,

Doch solches Regiment muß Haß erwerben.

Das ist des Königs Wille nicht – Ich darf's

Behaupten – Solche Grausamkeit verdient

Mein Volk nicht, dazu habt Ihr keine Vollmacht.

GESSLER: Ha, Ihr erkühnt Euch!

RUDENZ: Ich hab stillgeschwiegen

Zu allen schweren Taten, die ich sah,

Mein sehend Auge hab ich zugeschlossen,

Mein überschwellend und empörtes Herz

Hab ich hinabgedrückt in meinen Busen.

Doch länger schweigen wär Verrat zugleich

An meinem Vaterland und an dem Kaiser.

BERTA wirft sich zwischen ihn und den Landvogt:

O Gott, Ihr reizt den Wütenden noch mehr.

RUDENZ:

Mein Volk verließ ich, meinen Blutsverwandten

Entsagt ich, alle Bande der Natur

Zerriß ich, um an Euch mich anzuschließen –

Das Beste aller glaubt ich zu befördern,

Da ich des Kaisers Macht befestigte –

Die Binde fällt von meinen Augen – Schaudernd

Seh ich an einen Abgrund mich geführt –

Mein freies Urteil habt Ihr irrgeleitet,

Mein redlich Herz verführt – Ich war daran,

Mein Volk in bester Meinung zu verderben.

GESSLER: Verwegner, diese Sprache deinem Herrn?

RUDENZ:

Der Kaiser ist mein Herr, nicht Ihr – Frei bin ich

Wie Ihr geboren, und ich messe mich

Mit Euch in jeder ritterlichen Tugend.

Und stündet Ihr nicht hier in Kaisers Namen,

Den ich verehre, selbst wo man ihn schändet,

Den Handschuh wärf ich vor Euch hin, Ihr solltet

Nach ritterlichem Brauch mir Antwort geben.

– Ja winkt nur Euren Reisigen – Ich stehe

Nicht wehrlos da, wie die – Auf das Volk zeigend:

Ich hab ein Schwert,

Und wer mir naht –

STAUFFACHER ruft: Der Apfel ist gefallen!

Indem sich

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