Ungekürztes Werk "Wilhelm Tell" von Friedrich Schiller (Seite 31)

alle nach dieser Seite gewendet und Berta zwischen Rudenz

und den Landvogt sich geworfen, hat Tell den Pfeil abgedrückt.

RÖSSELMANN: Der Knabe lebt!

VIELE STIMMEN: Der Apfel ist getroffen!

Walther Fürst schwankt und droht zu sinken, Berta hält ihn.

GESSLER erstaunt:

Er hat geschossen? Wie? der Rasende!

BERTA:

Der Knabe lebt! kommt zu Euch, guter Vater!

WALTHER TELL kommt mit dem Apfel gesprungen:

Vater, hier ist der Apfel – Wußt ich's ja,

Du würdest deinen Knaben nicht verletzen.

Tell stand mit vorgebognem Leib, als wollt er dem Pfeil folgen –

die Armbrust entsinkt seiner Hand – wie er den Knaben kommen sieht,

eilt er ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen, und hebt ihn

mit heftiger Inbrunst zu seinem Herzen hinauf, in dieser Stellung

sinkt er kraftlos zusammen. Alle stehen gerührt.

BERTA: O güt'ger Himmel!

WALTHER FÜRST zu Vater und Sohn:

Kinder! meine Kinder!  

STAUFFACHER: Gott sei gelobt!

LEUTHOLD:Das war ein Schuß! Davon

Wird man noch reden in den spätsten Zeiten.

RUDOLF DER HARRAS:

Erzählen wird man von dem Schützen Tell,

Solang die Berge stehn auf ihrem Grunde.

Reicht dem Landvogt den Apfel.

GESSLER: Bei Gott! der Apfel mitten durchgeschossen!

Es war ein Meisterschuß, ich muß ihn loben.

RÖSSELMANN:

Der Schuß war gut, doch wehe dem, der ihn

Dazu getrieben, daß er Gott versuchte.

STAUFFACHER:

Kommt zu Euch, Tell, steht auf, Ihr habt Euch männlich

Gelöst, und frei könnt Ihr nach Hause gehen.

RÖSSELMANN:

Kommt, kommt und bringt der Mutter ihren Sohn.

Sie wollen ihn wegführen.

GESSLER: Tell, höre!

TELL kommt zurück:  Was befehlt Ihr, Herr?

GESSLER:  Du stecktest

Noch einen zweiten Pfeil zu dir – Ja, ja,

Ich sah es wohl – Was meintest du damit?

TELL verlegen:

Herr, das ist also bräuchlich bei den Schützen.

GESSLER:

Nein Tell, die Antwort laß ich dir nicht gelten,

Es wird was anders wohl bedeutet haben.

Sag mir die Wahrheit frisch und fröhlich, Tell,

Was es auch sei, dein Leben sichr ich dir.

Wozu der zweite Pfeil?

TELL:  Wohlan, o Herr,

Weil Ihr mich meines Lebens habt gesichert,

So will ich Euch die Wahrheit gründlich sagen.

Er zieht den Pfeil aus dem Goller und sieht den Landvogt

mit einem furchtbaren Blick an.

Mit diesem zweiten Pfeil durchschoß ich – Euch,

Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte,

Und Eurer – wahrlich! hätt ich nicht gefehlt.

GESSLER:

Wohl, Tell! Des Lebens hab ich dich gesichert,

Ich gab mein Ritterwort, das will ich halten –

Doch weil ich deinen bösen Sinn erkannt,

Will ich dich führen lassen und verwahren,

Wo weder Mond noch Sonne dich bescheint,

Damit ich sicher sei vor deinen Pfeilen.

Ergreift ihn, Knechte! Bindet ihn!

Tell wird gebunden.

STAUFFACHER: Wie, Herr?

So könntet Ihr an einem Manne handeln,

An dem sich Gottes Hand sichtbar verkündigt?

GESSLER: Laß sehn, ob sie ihn zweimal retten wird.

– Man bring ihn auf mein Schiff, ich folge nach

Sogleich, ich selbst will ihn nach Küßnacht führen.

RÖSSELMANN:

Ihr wollt ihn außer Lands gefangen führen?

LANDLEUTE:

Das dürft Ihr nicht, das darf der Kaiser nicht,

Das widerstreitet unsern Freiheitsbriefen!

GESSLER: Wo sind sie? Hat der Kaiser sie bestätigt?

Er hat sie nicht bestätigt – Diese Gunst

Muß erst erworben werden durch Gehorsam.

Rebellen seid ihr alle gegen Kaisers

Gericht und nährt verwegene Empörung.

Ich kenn euch alle – ich durchschau euch ganz –

Den nehm ich jetzt heraus aus eurer Mitte,

Doch alle seid ihr teilhaft seiner Schuld,

Wer klug ist, lerne schweigen und gehorchen.

Er entfernt sich, Berta,

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