Ungekürztes Werk "Wilhelm Tell" von Friedrich Schiller (Seite 33)
dem Berg,
Gewiß hat man ein Schiff in Not gesehen,
Und zieht die Glocke, daß gebetet werde.
Steigt auf eine Anhöhe.
FISCHER: Wehe dem Fahrzeug, das jetzt unterwegs,
In dieser furchtbarn Wiege wird gewiegt!
Hier ist das Steuer unnütz und der Steurer,
Der Sturm ist Meister, Wind und Welle spielen
Ball mit dem Menschen – Da ist nah und fern
Kein Busen, der ihm freundlich Schutz gewährte!
Handlos und schroff ansteigend starren ihm
Die Felsen, die unwirtlichen, entgegen,
Und weisen ihm nur ihre steinern schroffe Brust.
KNABE deutet links:
Vater, ein Schiff, es kommt von Flüelen her.
FISCHER:
Gott helf den armen Leuten! Wenn der Sturm
In dieser Wasserkluft sich erst verfangen,
Dann rast er um sich mit des Raubtiers Angst,
Das an des Gitters Eisenstäbe schlägt,
Die Pforte sucht er heulend sich vergebens,
Denn ringsum schränken ihn die Felsen ein,
Die himmelhoch den engen Paß vermauren.
Er steigt auf die Anhöhe.
KNABE: Es ist das Herrenschiff von Uri, Vater,
Ich kenn's am roten Dach und an der Fahne.
FISCHER: Gerichte Gottes! Ja, er ist es selbst,
Der Landvogt, der da fährt – Dort schifft er hin,
Und führt im Schiffe sein Verbrechen mit!
Schnell hat der Arm des Rächers ihn gefunden,
Jetzt kennt er über sich den stärkern Herrn,
Diese Wellen geben nicht auf seine Stimme,
Diese Felsen bücken ihre Häupter nicht
Vor seinem Hute – Knabe, bete nicht,
Greif nicht dem Richter in den Arm!
KNABE: Ich bete für den Landvogt nicht – Ich bete
Für den Tell, der auf dem Schiff sich mit befindet.
FISCHER: O Unvernunft des blinden Elements!
Mußt du, um einen Schuldigen zu treffen,
Das Schiff mitsamt dem Steuermann verderben!
KNABE: Sieh, sieh, sie waren glücklich schon vorbei
Am Buggisgrat, doch die Gewalt des Sturms,
Der von dem Teufelsmünster widerprallt,
Wirft sie zum großen Axenberg zurück.
– Ich seh sie nicht mehr.
FISCHER:Dort ist das Hakmesser,
Wo schon der Schiffe mehrere gebrochen.
Wenn sie nicht weislich dort vorüberlenken,
So wird das Schiff zerschmettert an der Fluh,
Die sich gähstotzig absenkt in die Tiefe.
– Sie haben einen guten Steuermann
Am Bord, könnt einer retten, wär's der Tell,
Doch dem sind Arm und Hände ja gefesselt.
Wilhelm Tell mit der Armbrust.
Er kommt mit raschen Schritten, blickt erstaunt umher,
und zeigt die heftigste Bewegung. Wenn er mitten auf der Szene ist,
wirft er sich nieder, die Hände zu der Erde und dann
zum Himmel ausbreitend.
KNABE bemerkt ihn:
Sieh, Vater, wer der Mann ist, der dort kniet?
FISCHER: Er faßt die Erde an mit seinen Händen,
Und scheint wie außer sich zu sein.
KNABE kommt vorwärts:
Was seh ich! Vater! Vater, kommt und seht!
FISCHER nähert sich:
Wer ist es? – Gott im Himmel! Was! der Tell?
Wie kommt Ihr hieher? Redet!
KNABE: Wart Ihr nicht
Dort auf dem Schiff gefangen und gebunden?
FISCHER: Ihr wurdet nicht nach Küßnacht abgeführt?
TELL steht auf: Ich bin befreit.
FISCHER und KNABE: Befreit! O Wunder Gottes!
KNABE: Wo kommt Ihr her?
TELL: Dort aus dem Schiffe.
FISCHER: Was?
KNABE zugleich: Wo ist der Landvogt?
TELL: Auf den Wellen treibt er.
FISCHER: Ist's möglich? Aber Ihr? Wie seid Ihr hier?
Seid Euren Banden und dem Sturm entkommen?
TELL: Durch Gottes gnäd'ge Fürsehung – Hört an!
FISCHER und KNABE: O redet, redet!
TELL: Was in Altorf sich
Begeben, wißt Ihr's?
FISCHER: Alles weiß ich, redet!
TELL: Daß mich der Landvogt fahen ließ und binden,
Nach seiner Burg zu Küßnacht wollte führen.
FISCHER: Und sich mit Euch zu Flüelen eingeschifft!
Wir wissen