Ungekürztes Werk "Wilhelm Tell" von Friedrich Schiller (Seite 32)
Rudenz, Harras und Knechte folgen,
Frießhardt und Leuthold bleiben zurück.
WALTHER FÜRST in heftigem Schmerz:
Es ist vorbei, er hat's beschlossen, mich
Mit meinem ganzen Hause zu verderben!
STAUFFACHER zum Tell:
O warum mußtet Ihr den Wütrich reizen!
TELL: Bezwinge sich, wer meinen Schmerz gefühlt!
STAUFFACHER: O nun ist alles, alles hin! Mit Euch
Sind wir gefesselt alle und gebunden!
LANDLEUTE umringen den Tell:
Mit Euch geht unser letzter Trost dahin!
LEUTHOLD nähert sich:
Tell, es erbarmt mich – doch ich muß gehorchen.
TELL: Lebt wohl!
WALTHER TELL sich mit heftigem Schmerz an ihn schmiegend:
O Vater! Vater! Lieber Vater!
TELL hebt die Arme zum Himmel:
Dort droben ist dein Vater! den ruf an!
STAUFFACHER:
Tell, sag ich Eurem Weibe nichts von Euch?
TELL hebt den Knaben mit Inbrunst an seine Brust:
Der Knab ist unverletzt, mir wird Gott helfen.
Reißt sich schnell los und folgt den Waffenknechten.
Vierter Aufzug
Erste Szene
Östliches Ufer des Vierwaldstättensees, die seltsam gestalteten
schroffen Felsen im Westen schließen den Prospekt.
Der See ist bewegt, heftiges Rauschen und Tosen, dazwischen Blitze
und Donnerschläge.
Kunz von Gersau. Fischer und Fischerknabe.
KUNZ:
Ich sah's mit Augen an, Ihr könnt mir's glauben,
's ist alles so geschehn, wie ich Euch sagte.
FISCHER:
Der Tell gefangen abgeführt nach Küßnacht,
Der beste Mann im Land, der bravste Arm,
Wenn's einmal gelten sollte für die Freiheit.
KUNZ: Der Landvogt führt ihn selbst den See herauf,
Sie waren eben dran sich einzuschiffen,
Als ich von Flüelen abfuhr, doch der Sturm,
Der eben jetzt im Anzug ist, und der
Auch mich gezwungen, eilends hier zu landen,
Mag ihre Abfahrt wohl verhindert haben.
FISCHER: Der Tell in Fesseln, in des Vogts Gewalt!
O glaubt, er wird ihn tief genug vergraben,
Daß er des Tages Licht nicht wiedersieht!
Denn fürchten muß er die gerechte Rache
Des freien Mannes, den er schwer gereizt!
KUNZ: Der Altlandammann auch, der edle Herr
Von Attinghausen, sagt man, lieg am Tode.
FISCHER: So bricht der letzte Anker unsrer Hoffnung!
Der war es noch allein, der seine Stimme
Erheben durfte für des Volkes Rechte!
KUNZ:
Der Sturm nimmt überhand. Gehabt Euch wohl,
Ich nehme Herberg in dem Dorf, denn heut
Ist doch an keine Abfahrt mehr zu denken.
Geht ab.
FISCHER: Der Tell gefangen und der Freiherr tot!
Erheb die freche Stirne, Tyrannei,
Wirf alle Scham hinweg, der Mund der Wahrheit
Ist stumm, das seh'nde Auge ist geblendet,
Der Arm, der retten sollte, ist gefesselt!
KNABE: Es hagelt schwer, kommt in die Hütte, Vater,
Es ist nicht kommlich, hier im Freien hausen.
FISCHER: Raset ihr Winde, flammt herab ihr Blitze,
Ihr Wolken berstet, gießt herunter, Ströme
Des Himmels und ersäuft das Land! Zerstört
Im Keim die ungeborenen Geschlechter!
Ihr wilden Elemente werdet Herr,
Ihr Bären kommt, ihr alten Wölfe wieder
Der großen Wüste, euch gehört das Land,
Wer wird hier leben wollen ohne Freiheit!
KNABE:
Hört, wie der Abgrund tost, der Wirbel brüllt,
So hat's noch nie gerast in diesem Schlunde!
FISCHER: Zu zielen auf des eignen Kindes Haupt,
Solches ward keinem Vater noch geboten!
Und die Natur soll nicht in wildem Grimm
Sich drob empören – O mich soll's nicht wundern,
Wenn sich die Felsen bücken in den See,
Wenn jene Zacken, jene Eisestürme,
Die nie auftauten seit dem Schöpfungstag,
Von ihren hohen Kulmen niederschmelzen,
Wenn die Berge brechen, wenn die alten Klüfte
Einstürzen, eine zweite Sündflut alle
Wohnstätten der Lebendigen verschlingt!
Man hört läuten.
KNABE: Hört Ihr, sie läuten droben auf