Ungekürztes Werk "Wilhelm Tell" von Friedrich Schiller (Seite 34)

alles, sprecht, wie Ihr entkommen?

TELL: Ich lag im Schiff, mit Stricken fest gebunden,

Wehrlos, ein aufgegebner Mann – nicht hofft ich,

Das frohe Licht der Sonne mehr zu sehn,

Der Gattin und der Kinder liebes Antlitz,

Und trostlos blickt ich in die Wasserwüste –

FISCHER: O armer Mann!

TELL:So fuhren wir dahin,

Der Vogt, Rudolf der Harras und die Knechte.

Mein Köcher aber mit der Armbrust lag

Am hintern Gransen bei dem Steuerruder.

Und als wir an die Ecke jetzt gelangt

Beim kleinen Axen, da verhängt' es Gott,

Daß solch ein grausam mördrisch Ungewitter

Gählings herfürbrach aus des Gotthards Schlünden,

Daß allen Ruderern das Herz entsank,

Und meinten alle, elend zu ertrinken.

Da hört ich's, wie der Diener einer sich

Zum Landvogt wendet' und die Worte sprach:

»Ihr sehet Eure Not und unsre, Herr,

Und daß wir all am Rand des Todes schweben –

Die Steuerleute aber wissen sich

Für großer Furcht nicht Rat und sind des Fahrens

Nicht wohlberichtet – Nun aber ist der Tell

Ein starker Mann und weiß ein Schiff zu steuern,

Wie, wenn wir sein jetzt brauchten in der Not?«

Da sprach der Vogt zu mir: »Tell, wenn du dir's

Getrautest, uns zu helfen aus dem Sturm,

So möcht ich dich der Bande wohl entled'gen.«

Ich aber sprach: »Ja, Herr, mit Gottes Hülfe

Getrau ich mir's, und helf uns wohl hiedannen.«

So ward ich meiner Bande los und stand

Am Steuerruder und fuhr redlich hin.

Doch schielt ich seitwärts, wo mein Schießzeug lag,

Und an dem Ufer merkt ich scharf umher,

Wo sich ein Vorteil auftät zum Entspringen.

Und wie ich eines Felsenriffs gewahre,

Das abgeplattet vorsprang in den See –

FISCHER: Ich kenn's, es ist am Fuß des großen Axen,

Doch nicht für möglich acht ich's – so gar steil

Geht's an – vom Schiff es springend abzureichen –

TELL: Schrie ich den Knechten, handlich zuzugehn,

Bis daß wir vor die Felsenplatte kämen,

Dort, rief ich, sei das Ärgste überstanden –

Und als wir sie frischrudernd bald erreicht,

Fleh ich die Gnade Gottes an, und drücke,

Mit allen Leibeskräften angestemmt,

Den hintern Gransen an die Felswand hin –

Jetzt schnell mein Schießzeug fassend, schwing ich selbst

Hochspringend auf die Platte mich hinauf,

Und mit gewalt'gem Fußstoß hinter mich

Schleudr ich das Schifflein in den Schlund der Wasser –

Dort mag's, wie Gott will, auf den Wellen treiben!

So bin ich hier, gerettet aus des Sturms

Gewalt und aus der schlimmeren der Menschen.

FISCHER: Tell, Tell, ein sichtbar Wunder hat der Herr

An Euch getan, kaum glaub ich's meinen Sinnen –

Doch saget! Wo gedenket Ihr jetzt hin,

Denn Sicherheit ist nicht für Euch, wofern

Der Landvogt lebend diesem Sturm entkommt.

TELL: Ich hört ihn sagen, da ich noch im Schiff

Gebunden lag, er woll bei Brunnen landen,

Und über Schwyz nach seiner Burg mich führen.

FISCHER: Will er den Weg dahin zu Lande nehmen?

TELL: Er denkt's.

FISCHER:  O so verbergt Euch ohne Säumen,

Nicht zweimal hilft Euch Gott aus seiner Hand.

TELL: Nennt mir den nächsten Weg nach Arth und Küßnacht.

FISCHER: Die offne Straße zieht sich über Steinen,

Doch einen kürzern Weg und heimlichern

Kann Euch mein Knabe über Lowerz führen.

TELL gibt ihm die Hand:

Gott lohn Euch Eure Guttat. Lebet wohl.

Geht und kehrt wieder um.

– Habt Ihr nicht auch im Rütli mit geschworen?

Mir deucht, man nannt Euch mir –

FISCHER:Ich war dabei,

Und hab den Eid des Bundes mit beschworen.

TELL: So eilt nach Bürglen,

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