Ungekürztes Werk "Wilhelm Tell" von Friedrich Schiller (Seite 35)

tut die Lieb mir an,

Mein Weib verzagt um mich, verkündet ihr,

Daß ich gerettet sei und wohlgeborgen.

FISCHER: Doch wohin sag ich ihr, daß Ihr geflohn?

TELL: Ihr werdet meinen Schwäher bei ihr finden

Und andre, die im Rütli mit geschworen –

Sie sollen wacker sein und gutes Muts,

Der Tell sei frei und seines Armes mächtig,

Bald werden sie ein Weitres von mir hören.

FISCHER: Was habt Ihr im Gemüt? Entdeckt mir's frei.

TELL: Ist es getan, wird's auch zur Rede kommen.

Geht ab.

FISCHER: Zeig ihm den Weg, Jenni – Gott steh ihm bei!

Er führt's zum Ziel, was er auch unternommen.

Geht ab.

Zweite Szene

Edelhof zu Attinghausen.

 

Der Freiherr, in einem Armsessel, sterbend. Walther Fürst, Stauffacher,

Melchtal und Baumgarten um ihn beschäftigt. Walther Tell knieend

vor dem Sterbenden.

 

WALTHER FÜRST: Es ist vorbei mit ihm, er ist hinüber.

STAUFFACHER: Er liegt nicht wie ein Toter – Seht, die Feder

Auf seinen Lippen regt sich! Ruhig ist

Sein Schlaf und friedlich lächeln seine Züge.

Baumgarten geht an die Türe und spricht mit jemand.

WALTHER FÜRST zu Baumgarten: Wer ist's?

BAUMGARTEN kommt zurück:

  Es ist Frau Hedwig, Eure Tochter,

Sie will Euch sprechen, will den Knaben sehn.

Walther Tell richtet sich auf.

WALTHER FÜRST:

Kann ich sie trösten? Hab ich selber Trost?

Häuft alles Leiden sich auf meinem Haupt?

HEDWIG hereindringend:

Wo ist mein Kind? Laßt mich, ich muß es sehn –

STAUFFACHER:

Faßt Euch, bedenkt, daß Ihr im Haus des Todes –

HEDWIG stürzt auf den Knaben:

Mein Wälti! O er lebt mir.

WALTHER TELL hängt an ihr: Arme Mutter!

HEDWIG: Ist's auch gewiß? Bist du mir unverletzt?

Betrachtet ihn mit ängstlicher Sorgfalt.

Und ist es möglich? Konnt er auf dich zielen?

Wie konnt er's? O er hat kein Herz – Er konnte

Den Pfeil abdrücken auf sein eignes Kind!

WALTHER FÜRST:

Er tat's mit Angst, mit schmerzzerrißner Seele,

Gezwungen tat er's, denn es galt das Leben.

HEDWIG: O hätt er eines Vaters Herz, eh er's

Getan, er wäre tausendmal gestorben!

STAUFFACHER:

Ihr solltet Gottes gnäd'ge Schickung preisen,

Die es so gut gelenkt –

HEDWIG:   Kann ich vergessen,

Wie's hätte kommen können – Gott des Himmels!

Und lebt ich achtzig Jahr – Ich seh den Knaben ewig

Gebunden stehn, den Vater auf ihn zielen,

Und ewig fliegt der Pfeil mir in das Herz.

MELCHTAL:

Frau, wüßtet Ihr, wie ihn der Vogt gereizt!

HEDWIG: O rohes Herz der Männer! Wenn ihr Stolz

Beleidigt wird, dann achten sie nichts mehr,

Sie setzen in der blinden Wut des Spiels

Das Haupt des Kindes und das Herz der Mutter!

BAUMGARTEN: Ist Eures Mannes Los nicht hart genug,

Daß Ihr mit schwerem Tadel ihn noch kränkt?

Für seine Leiden habt Ihr kein Gefühl?

HEDWIG kehrt sich nach ihm um und sieht ihn mit einem

großen Blick an:

Hast du nur Tränen für des Freundes Unglück?

– Wo waret ihr, da man den Trefflichen

In Bande schlug? Wo war da eure Hülfe?

Ihr sahet zu, ihr ließt das Gräßliche geschehn,

Geduldig littet ihr's, daß man den Freund

Aus eurer Mitte führte – Hat der Tell

Auch so an euch gehandelt? Stand er auch

Bedaurend da, als hinter dir die Reiter

Des Landvogts drangen, als der wüt'ge See

Vor dir erbrauste? Nicht mit müß'gen Tränen

Beklagt' er dich, in den Nachen sprang er, Weib

Und Kind vergaß er und befreite dich –

WALTHER FÜRST:

Was konnten wir zu seiner Rettung wagen,

Die

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