Ungekürztes Werk "Wilhelm Tell" von Friedrich Schiller (Seite 37)

Kindes, das vor ihm

auf den Knieen liegt.

Aus diesem Haupte, wo der Apfel lag,

Wird euch die neue beßre Freiheit grünen,

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,

Und neues Leben blüht aus den Ruinen.

STAUFFACHER zu Walther Fürst:

Seht, welcher Glanz sich um sein Aug ergießt!

Das ist nicht das Erlöschen der Natur,

Das ist der Strahl schon eines neuen Lebens.

ATTINGHAUSEN:

Der Adel steigt von seinen alten Burgen,

Und schwört den Städten seinen Bürgereid,

Im Üchtland schon, im Thurgau hat's begonnen,

Die edle Bern erhebt ihr herrschend Haupt,

Freiburg ist eine sichre Burg der Freien,

Die rege Zürich waffnet ihre Zünfte

Zum kriegerischen Heer – Es bricht die Macht

Der Könige sich an ihren ew'gen Wällen –

Er spricht das Folgende mit dem Ton eines Sehers –

seine Rede steigt bis zur Begeisterung:

Die Fürsten seh ich und die edeln Herrn

In Harnischen herangezogen kommen,

Ein harmlos Volk von Hirten zu bekriegen.

Auf Tod und Leben wird gekämpft und herrlich

Wird mancher Paß durch blutige Entscheidung.

Der Landmann stürzt sich mit der nackten Brust,

Ein freies Opfer, in die Schar der Lanzen,

Er bricht sie, und des Adels Blüte fällt,

Es hebt die Freiheit siegend ihre Fahne.

Walther Fürsts und Stauffachers Hände fassend:

Drum haltet fest zusammen – fest und ewig –

Kein Ort der Freiheit sei dem andern fremd –

Hochwachten stellet aus auf euren Bergen,

Daß sich der Bund zum Bunde rasch versammle –

Seid einig – einig – einig –

Er fällt in das Kissen zurück – seine Hände halten entseelt

noch die andern gefaßt. Fürst und Stauffacher betrachten ihn

noch eine Zeitlang schweigend, dann treten sie hinweg,

jeder seinem Schmerz überlassen. Unterdessen sind die Knechte still

hereingedrungen; sie nähern sich mit Zeichen eines stillern oder

heftigern Schmerzens, einige knieen bei ihm nieder

und weinen auf seine Hand, während dieser stummen Szene wird

die Burgglocke geläutet.

 

Rudenz zu den Vorigen.

RUDENZ rasch eintretend:

Lebt er? O saget, kann er mich noch hören?

WALTHER FÜRST deutet hin mit weggewandtem Gesicht:

Ihr seid jetzt unser Lehensherr und Schirmer,

Und dieses Schloß hat einen andern Namen.

RUDENZ erblickt den Leichnam und steht von heftigem

Schmerz ergriffen:

O güt'ger Gott – Kommt meine Reu zu spät?

Konnt er nicht wen'ge Pulse länger leben,

Um mein geändert Herz zu sehn?

Verachtet hab ich seine treue Stimme,

Da er noch wandelte im Licht – Er ist

Dahin, ist fort auf immerdar, und läßt mir

Die schwere unbezahlte Schuld! – O saget!

Schied er dahin im Unmut gegen mich?

STAUFFACHER:

Er hörte sterbend noch was Ihr getan,

Und segnete den Mut, mit dem Ihr spracht!

RUDENZ kniet an dem Toten nieder:

Ja heil'ge Reste eines teuren Mannes!

Entseelter Leichnam! Hier gelob ich dir's

In deine kalte Totenhand – Zerrissen

Hab ich auf ewig alle fremden Bande,

Zurückgegeben bin ich meinem Volk,

Ein Schweizer bin ich und ich will es sein

Von ganzer Seele – – Aufstehend.

Trauert um den Freund,

Den Vater aller, doch verzaget nicht!

Nicht bloß sein Erbe ist mir zugefallen,

Es steigt sein Herz, sein Geist auf mich herab,

Und leisten soll euch meine frische Jugend,

Was euch sein greises Alter schuldig blieb.

– Ehrwürd'ger Vater, gebt mir Eure Hand!

Gebt mir die Eurige! Melchtal auch Ihr!

Bedenkt Euch nicht! O wendet Euch nicht weg!

Empfanget meinen Schwur und mein Gelübde.

WALTHER FÜRST:

Gebt ihm

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