Ungekürztes Werk "Wilhelm Tell" von Friedrich Schiller (Seite 38)

die Hand. Sein wiederkehrend Herz

Verdient Vertraun.

MELCHTAL: Ihr habt den Landmann nichts geachtet.

Sprecht, wessen soll man sich zu Euch versehn?

RUDENZ: O denket nicht des Irrtums meiner Jugend!

STAUFFACHER zu Melchtal:

Seid einig! war das letzte Wort des Vaters,

Gedenket dessen!

MELCHTAL:Hier ist meine Hand!

Des Bauern Handschlag, edler Herr, ist auch

Ein Manneswort! Was ist der Ritter ohne uns?

Und unser Stand ist älter als der Eure.

RUDENZ:

Ich ehr ihn, und mein Schwert soll ihn beschützen.

MELCHTAL:

Der Arm, Herr Freiherr, der die harte Erde

Sich unterwirft und ihren Schoß befruchtet,

Kann auch des Mannes Brust beschützen.

RUDENZ:  Ihr

Sollt meine Brust, ich will die eure schützen,

So sind wir einer durch den andern stark.

– Doch wozu reden, da das Vaterland

Ein Raub noch ist der fremden Tyrannei?

Wenn erst der Boden rein ist von dem Feind,

Dann wollen wir's in Frieden schon vergleichen.

Nachdem er einen Augenblick innegehalten.

Ihr schweigt? Ihr habt mir nichts zu sagen? Wie!

Verdien ich's noch nicht, daß ihr mir vertraut?

So muß ich wider euren Willen mich

In das Geheimnis eures Bundes drängen.

– Ihr habt getagt – geschworen auf dem Rütli –

Ich weiß – weiß alles, was ihr dort verhandelt,

Und was mir nicht von euch vertrauet ward,

Ich hab's bewahrt gleich wie ein heilig Pfand.

Nie war ich meines Landes Feind, glaubt mir,

Und niemals hätt ich gegen euch gehandelt.

– Doch übel tatet ihr, es zu verschieben,

Die Stunde dringt und rascher Tat bedarf's –

Der Tell ward schon das Opfer eures Säumens –

STAUFFACHER:

Das Christfest abzuwarten schwuren wir.

RUDENZ:

Ich war nicht dort, ich hab nicht mit geschworen.

Wartet ihr ab, ich handle.

MELCHTAL:   Was? Ihr wolltet –

RUDENZ: Des Landes Vätern zähl ich mich jetzt bei,

Und meine erste Pflicht ist, euch zu schützen.

WALTHER FÜRST:

Der Erde diesen teuren Staub zu geben,

Ist Eure nächste Pflicht und heiligste.

RUDENZ: Wenn wir das Land befreit, dann legen wir

Den frischen Kranz des Siegs ihm auf die Bahre.

– O Freunde! Eure Sache nicht allein,

Ich habe meine eigne auszufechten

Mit dem Tyrannen – Hört und wißt! Verschwunden

Ist meine Berta, heimlich weggeraubt,

Mit kecker Freveltat aus unsrer Mitte!

STAUFFACHER: Solcher Gewalttat hätte der Tyrann

Wider die freie Edle sich verwogen?

RUDENZ: O meine Freunde! Euch versprach ich Hülfe,

Und ich zuerst muß sie von euch erflehn.

Geraubt, entrissen ist mir die Geliebte,

Wer weiß, wo sie der Wütende verbirgt,

Welcher Gewalt sie frevelnd sich erkühnen,

Ihr Herz zu zwingen zum verhaßten Band!

Verlaßt mich nicht, o helft mir sie erretten –

Sie liebt euch, o sie hat's verdient ums Land,

Daß alle Arme sich für sie bewaffnen –

WALTHER FÜRST: Was wollt Ihr unternehmen?

RUDENZ:  Weiß ich's? Ach!

In dieser Nacht, die ihr Geschick umhüllt,

In dieses Zweifels ungeheurer Angst,

Wo ich nichts Festes zu erfassen weiß,

Ist mir nur dieses in der Seele klar:

Unter den Trümmern der Tyrannenmacht

Allein kann sie hervorgegraben werden,

Die Festen alle müssen wir bezwingen,

Ob wir vielleicht in ihren Kerker dringen.

MELCHTAL:

Kommt, führt uns an. Wir folgen Euch. Warum

Bis morgen sparen, was wir heut vermögen?

Frei war der Tell, als wir im Rütli schwuren,

Das Ungeheure war noch nicht geschehen.

Es bringt die Zeit ein anderes Gesetz,

Wer ist so feig, der jetzt noch könnte zagen!

RUDENZ zu Stauffacher und Walther Fürst:

Indes bewaffnet und zum Werk bereit

Erwartet ihr der Berge Feuerzeichen,

Denn schneller als ein Botensegel fliegt,

Soll euch die Botschaft unsers Siegs erreichen,

Und seht ihr leuchten die willkommnen Flammen,

Dann auf die

Seiten