Ungekürztes Werk "Torquato Tasso" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 17)

Jahren, an geprüftem Wert:

An frohem Mut und Willen weich ich keinem.

Antonio:

Der Wille lockt die Taten nicht herbei;

Der Mut stellt sich die Wege kürzer vor.

Wer angelangt am Ziel ist, wird gekrönt,

Und oft entbehrt ein Würd’ger eine Krone.

Doch gibt es leichte Kränze, Kränze gibt es

Von sehr verschiedner Art; sie lassen sich

Oft im Spazierengehn bequem erreichen.

Tasso:

Was eine Gottheit diesem frei gewährt

Und jenem streng versagt, ein solches Gut

Erreicht nicht jeder, wie er will und mag.

Antonio:

Schreib es dem Glück vor andern Göttern zu,

So hör ich’s gern, denn seine Wahl ist blind.

Tasso: Auch die Gerechtigkeit trägt eine Binde

Und schließt die Augen jedem Blendwerk zu.

Antonio: Das Glück erhebe billig der Beglückte!

Er dicht ihm hundert Augen fürs Verdienst

Und kluge Wahl und strenge Sorgfalt an,

Nenn es Minerva, nenn es, wie er will,

Er halte gnädiges Geschenk für Lohn,

Zufälligen Putz für wohlverdienten Schmuck.

Tasso:

Du brauchst nicht deutlicher zu sein. Es ist genug!

Ich blicke tief dir in das Herz und kenne

Fürs ganze Leben dich. O kennte so

Dich meine Fürstin auch! Verschwende nicht

Die Pfeile deiner Augen, deiner Zunge!

Du richtest sie vergebens nach dem Kranze,

Dem unverwelklichen, auf meinem Haupt.

Sei erst so groß, mir ihn nicht zu beneiden!

Dann darfst du mir vielleicht ihn streitig machen.

Ich acht ihn heilig und das höchste Gut:

Doch zeige mir den Mann, der das erreicht,

Wornach ich strebe, zeige mir den Helden,

Von dem mir die Geschichten neu erzählten;

Den Dichter stell mir vor, der sich Homeren,

Virgilen sich vergleichen darf, ja, was

Noch mehr gesagt ist, zeige mir den Mann,

Der dreifach diesen Lohn verdiente, den

Die schöne Krone dreifach mehr als mich

Beschämte: dann sollst du mich knieend sehn

Vor jener Gottheit, die mich so begabte;

Nicht eher stünd ich auf, bis sie die Zierde

Von meinem Haupt auf seins hinüber drückte.

Antonio:

Bis dahin bleibst du freilich ihrer wert.

Tasso: Man wäge mich, das will ich nicht vermeiden;

Allein Verachtung hab ich nicht verdient.

Die Krone, der mein Fürst mich würdig achtete,

Die meiner Fürstin Hand für mich gewunden,

Soll keiner mir bezweifeln noch begrinsen!

Antonio:

Es ziemt der hohe Ton, die rasche Glut

Nicht dir zu mir noch dir an diesem Orte.

Tasso:

Was du dir hier erlaubst, das ziemt auch mir.

Und ist die Wahrheit wohl von hier verbannt?

Ist im Palast der freie Geist gekerkert?

Hat hier ein edler Mensch nur Druck zu dulden?

Mich dünkt, hier ist die Hoheit erst an ihrem Platz,

Der Seele Hoheit! Darf sie sich der Nähe

Der Großen dieser Erde nicht erfreun?

Sie darf’s und soll’s. Wir nahen uns dem Fürsten

Durch Adel nur, der uns von Vätern kam;

Warum nicht durchs Gemüt, das die Natur

Nicht jedem groß verlieh, wie sie nicht jedem

Die Reihe großer Ahnherrn geben konnte.

Nur Kleinheit sollte hier sich ängstlich fühlen,

Der Neid, der sich zu seiner Schande zeigt:

Wie keiner Spinne schmutziges Gewebe

An diesen Marmorwänden haften soll.

Antonio:

Du zeigst mir selbst mein Recht, dich zu verschmähn!

Der übereilte Knabe will des Manns

Vertraun und Freundschaft mit Gewalt ertrotzen?

Unsittlich, wie du bist, hältst du dich gut?

Tasso:

Viel lieber, was ihr euch unsittlich nennt,

Als was ich mir unedel nennen müßte.

Antonio:

Du bist noch jung genug, daß gute Zucht

Dich eines bessern Wegs belehren kann.

Tasso: Nicht jung genug, vor Götzen mich zu neigen,

Und, Trotz mit Trotz zu bänd’gen, alt genug.

Antonio:

Wo Lippenspiel und Saitenspiel entscheiden,

Ziehst du als Held und Sieger

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