Ungekürztes Werk "Torquato Tasso" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 18)

wohl davon.

Tasso:

Verwegen wär es, meine Faust zu rühmen,

Denn sie hat nichts getan; doch ich vertrau ihr.

Antonio:

Du traust auf Schonung, die dich nur zu sehr

Im frechen Laufe deines Glücks verzog.

Tasso:

Daß ich erwachsen bin, das fühl ich nun.

Mit dir am wenigsten hätt ich gewünscht

Das Wagespiel der Waffen zu versuchen:

Allein du schürest Glut auf Glut, es kocht

Das innre Mark, die schmerzliche Begier

Der Rache siedet schäumend in der Brust.

Bist du der Mann, der du dich rühmst, so steh mir.

Antonio:

Du weißt sowenig wer als wo du bist.

Tasso:

Kein Heiligtum heißt uns den Schimpf ertragen.

Du lästerst, du entweihest diesen Ort,

Nicht ich, der ich Vertraun, Verehrung, Liebe,

Das schönste Opfer, dir entgegentrug.

Dein Geist verunreint dieses Paradies

Und deine Worte diesen reinen Saal,

Nicht meines Herzens schwellendes Gefühl,

Das braust, den kleinsten Flecken nicht zu leiden.

Antonio:

Welch hoher Geist in einer engen Brust!

Tasso:

Hier ist noch Raum, dem Busen Luft zu machen.

Antonio:

Es macht das Volk sich auch mit Worten Luft.

Tasso:

Bist du ein Edelmann wie ich, so zeig es.

Antonio:

Ich bin es wohl, doch weiß ich, wo ich bin.

Tasso:

Komm mit herab, wo unsre Waffen gelten.

Antonio:

Wie du nicht fordern solltest, folg ich nicht.

Tasso:

Der Feigheit ist solch Hindernis willkommen.

Antonio:

Der Feige droht nur, wo er sicher ist.

Tasso:

Mit Freuden kann ich diesem Schutz entsagen.

Antonio:

Vergib dir nur, dem Ort vergibst du nichts.

Tasso:

Verzeihe mir der Ort, daß ich es litt.

Er zieht den Degen.

Zieh oder folge, wenn ich nicht auf ewig,

Wie ich dich hasse, dich verachten soll!

Vierter Auftritt

Alfons. Die Vorigen.

Alfons:

In welchem Streit treff ich euch unerwartet?

Antonio:

Du findest mich, o Fürst, gelassen stehn

Vor einem, den die Wut ergriffen hat.

Tasso:

Ich bete dich als eine Gottheit an,

Daß du mit einem Blick mich warnend bändigst.

Alfons: Erzähl, Antonio, Tasso, sag mir an,

Wie hat der Zwist sich in mein Haus gedrungen?

Wie hat er euch ergriffen, von der Bahn

Der Sitten, der Gesetze kluge Männer

Im Taumel weggerissen? Ich erstaune.

Tasso:

Du kennst uns beide nicht, ich glaub es wohl.

Hier dieser Mann, berühmt als klug und sittlich,

Hat roh und hämisch wie ein unerzogner,

Unedler Mensch sich gegen mich betragen.

Zutraulich naht ich ihm, er stieß mich weg;

Beharrlich liebend drang ich mich zu ihm,

Und bitter, immer bittrer ruht’ er nicht,

Bis er den reinsten Tropfen Bluts in mir

Zu Galle wandelte. Verzeih! Du hast mich hier

Als einen Wütenden getroffen. Dieser

Hat alle Schuld, wenn ich mich schuldig machte.

Er hat die Glut gewaltsam angefacht,

Die mich ergriff und mich und ihn verletzte.

Antonio:

Ihn riß der hohe Dichterschwung hinweg!

Du hast, o Fürst, zuerst mich angeredet,

Hast mich gefragt: es sei mir nun erlaubt,

Nach diesem raschen Redner auch zu sprechen.

Tasso:

O ja, erzähl, erzähl von Wort zu Wort!

Und kannst du jede Silbe, jede Miene

Vor diesen Richter stellen, wag es nur!

Beleidige dich selbst zum zweiten Male,

Und zeuge wider dich! Dagegen will

Ich keinen Hauch und keinen Pulsschlag leugnen.

Antonio:

Wenn du noch mehr zu reden hast, so sprich;

Wo nicht, so schweig und unterbrich mich nicht.

Ob ich, mein Fürst, ob dieser heiße Kopf

Den Streit zuerst begonnen? wer es sei,

Der unrecht hat? ist eine weite Frage,

Die wohl zuvörderst noch auf sich beruht.

Tasso:

Wie das? Mich dünkt, das ist die erste Frage,

Wer von uns beiden recht und unrecht hat.

Antonio:

Nicht ganz, wie sich’s der unbegrenzte Sinn

Gedenken mag.

Alfons: Antonio!

Antonio: Gnädigster,

Ich ehre deinen Wink, doch laß ihn schweigen:

Hab ich

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