Ungekürztes Werk "Torquato Tasso" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 15)

die Göttin schnell

Den Sterblichen hinauf. Welch neuer Kreis

Entdeckt sich meinem Auge, welches Reich!

Wie köstlich wird der heiße Wunsch belohnt!

Ich träumte mich dem höchsten Glücke nah,

Und dieses Glück ist über alle Träume.

Der Blindgeborne denke sich das Licht,

Die Farben, wie er will; erscheinet ihm

Der neue Tag, ist’s ihm ein neuer Sinn.

Voll Mut und Ahnung, freudetrunken schwankend

Betret ich diese Bahn. Du gibst mir viel,

Du gibst, wie Erd und Himmel uns Geschenke

Mit vollen Händen übermäßig reichen,

Und forderst wieder, was von mir zu fordern

Nur eine solche Gabe dich berechtigt.

Ich soll entbehren, soll mich mäßig zeigen

Und so verdienen, daß du mir vertraust.

Was tat ich je, daß sie mich wählen konnte?

Was soll ich tun, um ihrer wert zu sein?

Sie konnte dir vertraun, und dadurch bist du’s.

Ja, Fürstin, deinen Worten, deinen Blicken

Sei ewig meine Seele ganz geweiht!

Ja, fordre, was du willst, denn ich bin dein!

Sie sende mich, Müh und Gefahr und Ruhm

In fernen Landen aufzusuchen, reiche

Im stillen Hain die goldne Leier mir,

Sie weihe mich der Ruh’ und ihrem Preis:

Ihr bin ich, bildend soll sie mich besitzen;

Mein Herz bewahrte jeden Schatz für sie.

O hätt ein tausendfaches Werkzeug mir

Ein Gott gegönnt, kaum drückt ich dann genug

Die unaussprechliche Verehrung aus.

Des Malers Pinsel und des Dichters Lippe,

Die süßeste, die je von frühem Honig

Genährt war, wünscht ich mir. Nein, künftig soll

Nicht Tasso zwischen Bäumen, zwischen Menschen

Sich einsam, schwach und trübgesinnt verlieren!

Er ist nicht mehr allein, er ist mit dir.

O daß die edelste der Taten sich

Hier sichtbar vor mich stellte, rings umgeben

Von gräßlicher Gefahr! Ich dränge zu

Und wagte gern das Leben, das ich nun

Von ihren Händen habe – forderte

Die besten Menschen mir zu Freunden auf,

Unmögliches mit einer edeln Schar

Nach ihrem Wink und Willen zu vollbringen.

Voreiliger, warum verbarg dein Mund

Nicht das, was du empfandst, bis du dich wert

Und werter ihr zu Füßen legen konntest?

Das war dein Vorsatz, war dein kluger Wunsch.

Doch sei es auch! Viel schöner ist es, rein

Und unverdient ein solch Geschenk empfangen

Als halb und halb zu wähnen, daß man wohl

Es habe fordern dürfen. Blicke freudig!

Es ist so groß, so weit, was vor dir liegt;

Und hoffnungsvolle Jugend lockt dich wieder

In unbekannte lichte Zukunft hin.

– Schwelle, Brust! – O Witterung des Glücks,

Begünst’ge diese Pflanze doch einmal!

Sie strebt gen Himmel, tausend Zweige dringen

Aus ihr hervor, entfalten sich zu Blüten.

O daß sie Frucht, o daß sie Freude bringe!

Daß eine liebe Hand den goldnen Schmuck

Aus ihren frischen, reichen Ästen breche!

Dritter Auftritt

Tasso. Antonio.

Tasso:

Sei mir willkommen, den ich gleichsam jetzt

Zum erstenmal erblicke! Schöner ward

Kein Mann mir angekündigt. Sei willkommen!

Dich kenn ich nun und deinen ganzen Wert,

Dir biet ich ohne Zögern Herz und Hand

Und hoffe, daß auch du mich nicht verschmähst.

Antonio:

Freigebig bietest du mir schöne Gaben,

Und ihren Wert erkenn ich, wie ich soll,

Drum laß mich zögern, eh ich sie ergreife.

Weiß ich doch nicht, ob ich dir auch dagegen

Ein Gleiches geben kann. Ich möchte gern

Nicht übereilt und nicht undankbar scheinen:

Laß mich für beide klug und sorgsam sein.

Tasso:

Wer wird die Klugheit tadeln? Jeder Schritt

Des Lebens zeigt, wie sehr sie nötig sei;

Doch schöner ist’s, wenn uns die Seele sagt,

Wo wir der feinen Vorsicht nicht bedürfen.

Antonio:

Darüber frage jeder sein Gemüt,

Weil er den Fehler

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