Ungekürztes Werk "Torquato Tasso" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 13)

wünschte, nähertreten wollen.

Tasso:

Ich habe dir gehorcht, sonst hätt ich mich

Von ihr entfernt, anstatt mich ihr zu nahen.

So liebenswürdig sie erscheinen kann,

Ich weiß nicht, wie es ist, konnt ich nur selten

Mit ihr ganz offen sein, und wenn sie auch

Die Absicht hat, den Freunden wohlzutun,

So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.

Prinzessin:

Auf diesem Wege werden wir wohl nie

Gesellschaft finden, Tasso! Dieser Pfad

Verleitet uns, durch einsames Gebüsch,

Durch stille Täler fortzuwandern; mehr

Und mehr verwöhnt sich das Gemüt und strebt,

Die goldne Zeit, die ihm von außen mangelt,

In seinem Innern wiederherzustellen,

So wenig der Versuch gelingen will.

Tasso:

O welches Wort spricht meine Fürstin aus!

Die goldne Zeit, wohin ist sie geflohen?

Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt!

Da auf der freien Erde Menschen sich

Wie frohe Herden im Genuß verbreiteten;

Da ein uralter Baum auf bunter Wiese

Dem Hirten und der Hirtin Schatten gab,

Ein jüngeres Gebüsch die zarten Zweige

Um sehnsuchtsvolle Liebe traulich schlang;

Wo klar und still auf immer reinem Sande

Der weiche Fluß die Nymphe sanft umfing;

Wo in dem Grase die gescheuchte Schlange

Unschädlich sich verlor, der kühne Faun,

Vom tapfern Jüngling bald bestraft, entfloh;

Wo jeder Vogel in der freien Luft

Und jedes Tier, durch Berg’ und Täler schweifend,

Zum Menschen sprach: Erlaubt ist, was gefällt.

Prinzessin:

Mein Freund, die goldne Zeit ist wohl vorbei:

Allein die Guten bringen sie zurück;

Und soll ich dir gestehen, wie ich denke:

Die goldne Zeit, womit der Dichter uns

Zu schmeicheln pflegt, die schöne Zeit, sie war,

So scheint es mir, sowenig, als sie ist;

Und war sie je, so war sie nur gewiß,

Wie sie uns immer wieder werden kann.

Noch treffen sich verwandte Herzen an

Und teilen den Genuß der schönen Welt;

Nur in dem Wahlspruch ändert sich, mein Freund,

Ein einzig Wort: Erlaubt ist, was sich ziemt.

Tasso:

O wenn aus guten, edlen Menschen nur

Ein allgemein Gericht, bestellt, entschiede,

Was sich denn ziemt! anstatt daß jeder glaubt,

Es sei auch schicklich, was ihm nützlich ist.

Wir sehn ja, dem Gewaltigen, dem Klugen

Steht alles wohl, und er erlaubt sich alles.

Prinzessin:

Willst du genau erfahren, was sich ziemt,

So frage nur bei edlen Frauen an.

Denn ihnen ist am meisten dran gelegen,

Daß alles wohl sich zieme, was geschieht.

Die Schicklichkeit umgibt mit einer Mauer

Das zarte, leicht verletzliche Geschlecht.

Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie,

Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts.

Und wirst du die Geschlechter beide fragen:

Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte.

Tasso:

Du nennest uns unbändig, roh, gefühllos?

Prinzessin:

Nicht das! Allein ihr strebt nach fernen Gütern,

Und euer Streben muß gewaltsam sein.

Ihr wagt es, für die Ewigkeit zu handeln,

Wenn wir ein einzig nah beschränktes Gut

Auf dieser Erde nur besitzen möchten

Und wünschen, daß es uns beständig bliebe.

Wir sind von keinem Männerherzen sicher,

Das noch so warm sich einmal uns ergab.

Die Schönheit ist vergänglich, die ihr doch

Allein zu ehren scheint. Was übrigbleibt,

Das reizt nicht mehr, und was nicht reizt, ist tot.

Wenn’s Männer gäbe, die ein weiblich Herz

Zu schätzen wüßten, die erkennen möchten,

Welch einen holden Schatz von Treu und Liebe

Der Busen einer Frau bewahren kann,

Wenn das Gedächtnis einzig schöner Stunden

In euren Seelen lebhaft bleiben wollte,

Wenn euer Blick, der sonst durchdringend ist,

Auch durch den Schleier dringen könnte, den

Uns Alter oder Krankheit überwirft,

Wenn der Besitz, der ruhig machen soll,

Nach fremden Gütern euch nicht lüstern machte:

Dann wär uns wohl ein

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