Ungekürztes Werk "Torquato Tasso" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 21)
geschah.
Als Menschen hab ich ihn vielleicht gekränkt,
Als Edelmann hab ich ihn nicht beleidigt,
Und seinen Lippen ist im größten Zorne
Kein sittenloses Wort entflohn.
Alfons: So schien
Mir euer Streit, und was ich gleich gedacht,
Bekräftigt deine Rede mir noch mehr.
Wenn Männer sich entzweien, hält man billig
Den Klügsten für den Schuldigen. Du solltest
Mit ihm nicht zürnen; ihn zu leiten stünde
Dir besser an. Noch immer ist es Zeit:
Hier ist kein Fall, der euch zu streiten zwänge.
Solang mir Friede bleibt, so lange wünsch ich
In meinem Haus ihn zu genießen. Stelle
Die Ruhe wieder her; du kannst es leicht.
Lenore Sanvitale mag ihn erst
Mit zarter Lippe zu besänft’gen suchen:
Dann tritt zu ihm, gib ihm in meinem Namen
Die volle Freiheit wieder und gewinne
Mit edeln wahren Worten sein Vertraun.
Verrichte das, sobald du immer kannst;
Du wirst als Freund und Vater mit ihm sprechen.
Noch eh wir scheiden, will ich Friede wissen,
Und dir ist nichts unmöglich, wenn du willst.
Wir bleiben lieber eine Stunde länger
Und lassen dann die Frauen sanft vollenden,
Was du begannst; und kehren wir zurück,
So haben sie von diesem raschen Eindruck
Die letzte Spur vertilgt. Es scheint, Antonio,
Du willst nicht aus der Übung kommen! Du
Hast ein Geschäft kaum erst vollendet, nun
Kehrst du zurück und schaffst dir gleich ein neues.
Ich hoffe, daß auch dieses dir gelingt.
Antonio:
Ich bin beschämt und seh in deinen Worten
Wie in dem klarsten Spiegel meine Schuld!
Gar leicht gehorcht man einem edlen Herrn,
Der überzeugt, indem er uns gebietet.
DRITTER AUFZUG
Erster Auftritt
Prinzessin allein:
Wo bleibt Eleonore? Schmerzlicher
Bewegt mir jeden Augenblick die Sorge
Das tiefste Herz. Kaum weiß ich, was geschah,
Kaum weiß ich, wer von beiden schuldig ist.
O daß sie käme! Möcht ich doch nicht gern
Den Bruder nicht, Antonio nicht sprechen,
Eh ich gefaßter bin, eh ich vernommen,
Wie alles steht und was es werden kann.
Zweiter Auftritt
Prinzessin. Leonore.
Prinzessin: Was bringst du, Leonore? Sag mir an:
Wie steht’s um unsre Freunde? Was geschah?
Leonore:
Mehr, als wir wissen, hab ich nicht erfahren.
Sie trafen hart zusammen, Tasso zog,
Dein Bruder trennte sie: Allein es scheint,
Als habe Tasso diesen Streit begonnen.
Antonio geht frei umher und sprich
Mit seinem Fürsten; Tasso bleibt dagegen
Verbannt in seinem Zimmer und allein.
Prinzessin: Gewiß hat ihn Antonio gereizt,
Den Hochgestimmten kalt und fremd beleidigt.
Leonore:
Ich glaub es selbst. Denn eine Wolke stand,
Schon als er zu uns trat um seine Stirn.
Prinzessin:
Ach daß wir doch, dem reinen, stillen Wink
Des Herzens nachzugehn, so sehr verlernen!
Ganz leise spricht ein Gott in unsrer Brust,
Ganz leise, ganz vernehmlich, zeigt uns an,
Was zu ergreifen ist und was zu fliehn.
Antonio erschien mir heute früh
Viel schroffer noch als je, in sich gezogner.
Es warnte mich mein Geist, als neben ihn
Sich Tasso stellte. Sieh das Äußre nur
Von beiden an, das Angesicht, den Ton,
Den Blick, den Tritt! Es widerstrebt sich alles,
Sie können ewig keine Liebe wechseln.
Doch überredete die Hoffnung mich,
Die Gleisnerin: sie sind vernünftig beide,
Sind edel, unterrichtet, deine Freunde;
Und welch ein Band ist sichrer als der Guten?
Ich trieb den Jüngling an; er gab sich ganz;
Wie schön, wie warm ergab er ganz sich mir!
O hätt ich gleich Antonio gesprochen!
Ich zauderte; es war nur kurze Zeit;
Ich scheute mich, gleich mit den ersten Worten
Und dringend ihm den Jüngling zu empfehlen;
Verließ auf Sitte mich und Höflichkeit,
Auf den Gebrauch der