Ungekürztes Werk "Torquato Tasso" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 22)

Welt, der sich so glatt

Selbst zwischen Feinde legt; befürchtete

Von dem geprüften Manne diese Jähe

Der raschen Jugend nicht. Es ist geschehn!

Das Übel stand mir fern, nun ist es da.

O gib mir einen Rat! Was ist zu tun?

Leonore:

Wie schwer zu raten sei, das fühlst du selbst

Nach dem, was du gesagt. Es ist nicht hier

Ein Mißverständnis zwischen Gleichgestimmten;

Das stellen Worte, ja im Notfall stellen

Es Waffen leicht und glücklich wieder her.

Zwei Männer sind’s, ich hab es lang gefühlt,

Die darum Feinde sind, weil die Natur

Nicht einen Mann aus ihnen beiden formte.

Und wären sie zu ihrem Vorteil klug,

So würden sie als Freunde sich verbinden;

Dann stünden sie für einen Mann und gingen

Mit Macht und Glück und Lust durchs Leben hin.

So hofft ich selbst; nun seh ich wohl, umsonst.

Der Zwist von heute, sei er, wie er sei,

Ist beizulegen; doch das sichert uns

Nicht für die Zukunft, für den Morgen nicht.

Es wär am besten, dächt ich, Tasso reiste

Auf eine Zeit von hier; er könnte ja

Nach Rom, auch nach Florenz sich wenden; dort

Träf ich in wenig Wochen ihn und könnte

Auf sein Gemüt als eine Freundin wirken.

Du würdest hier indessen den Antonio,

Der uns so fremd geworden, dir aufs neue

Und deinen Freunden näherbringen: so

Gewährte das, was itzt unmöglich scheint,

Die gute Zeit vielleicht, die vieles gibt.

Prinzessin:

Du willst dich in Genuß, o Freundin, setzen,

Ich soll entbehren; heißt das billig sein?

Leonore:

Entbehren wirst du nichts, als was du doch

In diesem Falle nicht genießen könntest.

Prinzessin:

So ruhig soll ich einen Freund verbannen?

Leonore:

Erhalten, den du nur zum Schein verbannst.

Prinzessin:

Mein Bruder wird ihn nicht mit Willen lassen.

Leonore:

Wenn er es sieht wie wir, so gibt er nach.

Prinzessin:

Es ist so schwer, im Freunde sich verdammen.

Leonore:

Und dennoch rettest du den Freund in dir.

Prinzessin:

Ich gebe nicht mein Ja, daß es geschehe.

Leonore:

So warte noch ein größres Übel ab!

Prinzessin:

Du peinigst mich und weißt nicht, ob du nützest.

Leonore:

Wir werden bald entdecken, wer sich irrt.

Prinzessin:

Und soll es sein, so frage mich nicht länger.

Leonore:

Wer sich entschließen kann, besiegt den Schmerz.

Prinzessin:

Entschlossen bin ich nicht, allein es sei,

Wenn er sich nicht auf lange Zeit entfernt –

Und laß uns für ihn sorgen, Leonore,

Daß er nicht Mangel etwa künftig leide,

Daß ihm der Herzog seinen Unterhalt

Auch in der Ferne willig reichen lasse.

Sprich mit Antonio, denn er vermag

Bei meinem Bruder viel und wird den Streit

Nicht unserm Freund und uns gedenken wollen.

Leonore:

Ein Wort von dir, Prinzessin, gälte mehr.

Prinzessin: Ich kann, du weißt es, meine Freundin, nicht,

Wie’s meine Schwester von Urbino kann,

Für mich und für die Meinen was erbitten.

Ich lebe gern so stille vor mich hin

Und nehme von dem Bruder dankbar an,

Was er mir immer geben kann und will.

Ich habe sonst darüber manchen Vorwurf

Mir selbst gemacht; nun hab ich überwunden.

Es schalt mich eine Freundin oft darum:

“Du bist uneigennützig”, sagte sie,

“Das ist recht schön; allein so sehr bist du’s,

Daß du auch das Bedürfnis deiner Freunde

Nicht recht empfinden kannst.” Ich laß es gehn

Und muß denn eben diesen Vorwurf tragen.

Um desto mehr erfreut es mich, daß ich

Nun in der Tat dem Freunde nützen kann;

Es fällt mir meiner Mutter Erbschaft zu,

Und gerne will ich für ihn sorgen helfen.

Leonore:

Und ich, o Fürstin, finde mich im Falle,

Daß ich als Freundin auch mich zeigen kann.

Er

Seiten