Ungekürztes Werk "Torquato Tasso" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 24)

am leichtsten auf.

Prinzessin:

Wenn das Vertrauen heilt, so heil ich bald;

Ich hab es rein und hab es ganz zu dir.

Ach meine Freundin! Zwar ich bin entschlossen:

Er scheide nur! Allein ich fühle schon

Den langen, ausgedehnten Schmerz der Tage, wenn

Ich nun entbehren soll, was mich erfreute.

Die Sonne hebt von meinen Augenlidern

Nicht mehr sein schön verklärtes Traumbild auf;

Die Hoffnung, ihn zu sehen, füllt nicht mehr

Den kaum erwachten Geist mit froher Sehnsucht;

Mein erster Blick hinab in unsre Gärten

Sucht ihn vergebens in dem Tau der Schatten.

Wie schön befriedigt fühlte sich der Wunsch,

Mit ihm zu sein an jedem heitern Abend!

Wie mehrte sich im Umgang das Verlangen,

Sich mehr zu kennen, mehr sich zu verstehn!

Und täglich stimmte das Gemüt sich schöner

Zu immer reinern Harmonien auf.

Welch eine Dämmrung fällt nun vor mir ein!

Der Sonne Pracht, das fröhliche Gefühl

Des hohen Tags, der tausendfachen Welt

Glanzreiche Gegenwart ist öd und tief

Im Nebel eingehüllt, der mich umgibt.

Sonst war mir jeder Tag ein ganzes Leben;

Die Sorge schwieg, die Ahnung selbst verstummte,

Und glücklich eingeschifft, trug uns der Strom

Auf leichten Wellen ohne Ruder hin:

Nun überfällt in trüber Gegenwart

Der Zukunft Schrecken heimlich meine Brust.

Leonore:

Die Zukunft gibt dir deine Freunde wieder

Und bringt dir neue Freude, neues Glück.

Prinzessin:

Was ich besitze, mag ich gern bewahren:

Der Wechsel unterhält, doch nutzt er kaum.

Mit jugendlicher Sehnsucht griff ich nie

Begierig in den Lostopf fremder Welt,

Für mein bedürfend unerfahren Herz

Zufällig einen Gegenstand zu haschen.

Ihn mußt ich ehren, darum liebt ich ihn;

Ich mußt ihn lieben, weil mit ihm mein Leben

Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt.

Erst sagt ich mir: Entferne dich von ihm!

Ich wich und wich und kam nur immer näher,

So lieblich angelockt, so hart bestraft!

Ein reines, wahres Gut verschwindet mir,

Und meiner Sehnsucht schiebt ein böser Geist

Statt Freud und Glück verwandte Schmerzen unter.

Leonore:

Wenn einer Freundin Wort nicht trösten kann,

So wird die stille Kraft der schönen Welt,

Der guten Zeit dich unvermerkt erquicken.

Prinzessin:

Wohl ist sie schön, die Welt! In ihrer Weite

Bewegt sich so viel Gutes hin und her.

Ach, daß es immer nur um einen Schritt

Von uns sich zu entfernen scheint

Und unsre bange Sehnsucht durch das Leben

Auch Schritt vor Schritt bis nach dem Grabe lockt!

So selten ist es, daß die Menschen finden,

Was ihnen doch bestimmt gewesen schien,

So selten, daß sie das erhalten, was

Auch einmal die beglückte Hand ergriff!

Es reißt sich los, was erst sich uns ergab,

Wir lassen los, was wir begierig faßten.

Es gibt ein Glück, allein wir kennen’s nicht:

Wir kennen’s wohl, und wissen’s nicht zu schätzen.

Dritter Auftritt

Leonore allein:

Wie jammert mich das edle schöne Herz!

Welch traurig Los, das ihrer Hoheit fällt!

Ach, sie verliert – und denkst du zu gewinnen?

Ist’s denn so nötig, daß er sich entfernt?

Machst du es nötig, um allein für dich

Das Herz und die Talente zu besitzen,

Die du bisher mit einer andern teilst,

Und ungleich teilst? Ist’s redlich, so zu handeln?

Bist du nicht reich genug? Was fehlt dir noch?

Gemahl und Sohn und Güter, Rang und Schönheit,

Das hast du alles, und du willst noch ihn

Zu diesem allen haben? Liebst du ihn?

Was ist es sonst, warum du ihn nicht mehr

Entbehren magst? Du darfst es dir gestehn. –

Wie reizend ist’s, in seinem schönen Geiste

Sich selber zu bespiegeln! Wird ein Glück

Nicht doppelt

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