Ungekürztes Werk "Torquato Tasso" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 25)

groß und herrlich, wenn sein Lied

Uns wie auf Himmelswolken trägt und hebt?

Dann bist du erst beneidenswert! Du bist,

Du hast das nicht allein, was viele wünschen;

Es weiß, es kennt auch jeder, was du hast!

Dich nennt dein Vaterland und sieht auf dich,

Das ist der höchste Gipfel jedes Glücks.

Ist Laura denn allein der Name, der

Von allen zarten Lippen klingen soll?

Und hatte nur Petrarch allein das Recht,

Die unbekannte Schöne zu vergöttern?

Wo ist ein Mann, der meinem Freunde sich

Vergleichen darf? Wie ihn die Welt verehrt,

So wird die Nachwelt ihn verehrend nennen.

Wie herrlich ist’s, im Glanze dieses Lebens

Ihn an der Seite haben! so mit ihm

Der Zukunft sich mit leichtem Schritte nahn!

Alsdann vermag die Zeit, das Alter nichts

Auf dich, und nichts der freche Ruf.

Der hin und her des Beifalls Woge treibt:

Das, was vergänglich ist, bewahrt sein Lied.

Du bist noch schön, noch glücklich, wenn schon lange

Der Kreis der Dinge dich mit fortgerissen.

Du mußt ihn haben, und ihr nimmst du nichts:

Denn ihre Neigung zu dem werten Manne

Ist ihren andern Leidenschaften gleich.

Sie leuchten, wie der stille Schein des Monds

Dem Wandrer spärlich auf dem Pfad zu Nacht;

Sie wärmen nicht und gießen keine Lust

Noch Lebensfreud umher. Sie wird sich freuen,

Wenn sie ihn fern, wenn sie ihn glücklich weiß,

Wie sie genoß, wenn sie ihn täglich sah.

Und dann, ich will mit meinem Freunde nicht

Von ihr und diesem Hofe mich verbannen:

Ich komme wieder, und ich bring ihn wieder.

So soll es sein! – Hier kommt der rauhe Freund;

Wir wollen sehn, ob wir ihn zähmen können.

Vierter Auftritt

Leonore. Antonio.

Leonore:

Du bringst uns Krieg statt Frieden: scheint es doch,

Du kommst aus einem Lager, einer Schlacht,

Wo die Gewalt regiert, die Faust entscheidet,

Und nicht von Rom, wo feierliche Klugheit

Die Hände segnend hebt und eine Welt

Zu ihren Füßen sieht, die gern gehorcht.

Antonio:

Ich muß den Tadel, schöne Freundin, dulden,

Doch die Entschuld’gung liegt nicht weit davon.

Es ist gefährlich, wenn man allzu lang

Sich klug und mäßig zeigen muß. Es lauert

Der böse Genius dir an der Seite

Und will gewaltsam auch von Zeit zu Zeit

Ein Opfer haben. Leider hab ich’s diesmal

Auf meiner Freunde Kosten ihm gebracht.

Leonore:

Du hast um fremde Menschen dich so lang

Bemüht und dich nach ihrem Sinn gerichtet:

Nun, da du deine Freunde wieder siehst,

Verkennst du sie und rechtest wie mit Fremden.

Antonio:

Da liegt, geliebte Freundin, die Gefahr!

Mit fremden Menschen nimmt man sich zusammen,

Da merkt man auf, da sucht man seinen Zweck

In ihrer Gunst, damit sie nutzen sollen;

Allein bei Freunden läßt man frei sich gehn,

Man ruht in ihrer Liebe, man erlaubt

Sich eine Laune, ungezähmter wirkt

Die Leidenschaft, und so verletzen wir

Am ersten die, die wir am zärtsten lieben.

Leonore:

In dieser ruhigen Betrachtung find ich dich

Schon ganz, mein teurer Freund, mit Freuden wieder.

Antonio:

Ja, mich verdrießt – und ich bekenn es gern –,

Daß ich mich heut so ohne Maß verlor.

Allein gestehe, wenn ein wackrer Mann

Mit heißer Stirn von saurer Arbeit kommt

Und spät am Abend in ersehntem Schatten

Zu neuer Mühe auszuruhen denkt

Und findet dann von einem Müßiggänger

Den Schatten breit besessen, soll er nicht

Auch etwas Menschlichs in dem Busen fühlen?

Leonore:

Wenn er recht menschlich ist, so wird er auch

Den Schatten gern mit einem Manne teilen,

Der ihm die Ruhe süß, die Arbeit leicht

Durch ein Gespräch,

Seiten