Ungekürztes Werk "Torquato Tasso" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 27)

Knaben noch als Mann zu spielen, der

Sich seiner holden Schwäche rühmen darf!

Du müßtest mir verzeihen, schöne Freundin,

Wenn ich auch hier ein wenig bitter würde.

Du sagst nicht alles, sagst nicht, was er wagt

Und daß er klüger ist, als wie man denkt.

Er rühmt sich zweier Flammen! knüpft und löst

Die Knoten hin und wider und gewinnt

Mit solchen Künsten solche Herzen! Ist’s

Zu glauben?

Leonore: Gut! Selbst das beweist ja schon,

Daß es nur Freundschaft ist, was uns belebt.

Und wenn wir denn auch Lieb um Liebe tauschten,

Belohnten wir das schöne Herz nicht billig,

Das ganz sich selbst vergißt und hingegeben

Im holden Traum für seine Freunde lebt?

Antonio:

Verwöhnt ihn nur und immer mehr und mehr,

Laßt seine Selbstigkeit für Liebe gelten,

Beleidigt alle Freunde, die sich euch

Mit treuer Seele widmen, gebt dem Stolzen

Freiwilligen Tribut, zerstöret ganz

Den schönen Kreis geselligen Vertrauns!

Leonore:

Wir sind nicht so parteiisch, wie du glaubst,

Ermahnen unsern Freund in manchen Fällen;

Wir wünschen ihn zu bilden, daß er mehr

Sich selbst genieße, mehr sich zu genießen

Den andern geben könne. Was an ihm

Zu tadeln ist, das bleibt uns nicht verborgen.

Antonio:

Doch lobt ihr vieles, was zu tadeln wäre.

Ich kenn ihn lang, er ist so leicht zu kennen

Und ist zu stolz, sich zu verbergen. Bald

Versinkt er in sich selbst, als wäre ganz

Die Welt in seinem Busen, er sich ganz

In seiner Welt genug, und alles rings

Umher verschwindet ihm. Er läßt es gehn,

Läßt’s fallen, stößt’s hinweg und ruht in sich –

Auf einmal, wie ein unbemerkter Funke

Die Mine zündet, sei es Freude, Leid,

Zorn oder Grille, heftig bricht er aus:

Dann will er alles fassen, alles halten,

Dann soll geschehn, was er sich denken mag;

In einem Augenblicke soll entstehn,

Was jahrelang bereitet werden sollte,

In einem Augenblick gehoben sein,

Was Mühe kaum in Jahren lösen könnte.

Er fordert das Unmögliche von sich,

Damit er es von andern fordern dürfe.

Die letzten Enden aller Dinge will

Sein Geist zusammenfassen; das gelingt

Kaum einem unter Millionen Menschen,

Und er ist nicht der Mann: er fällt zuletzt,

Um nichts gebessert, in sich selbst zurück.

Leonore:

Er schadet andern nicht, er schadet sich.

Antonio:

Und doch verletzt er andre nur zu sehr.

Kannst du es leugnen, daß im Augenblick

Der Leidenschaft, die ihn behend ergreift,

Er auf den Fürsten, auf die Fürstin selbst,

Auf wen es sei, zu schmähn, zu lästern wagt?

Zwar augenblicklich nur; allein genug,

Der Augenblick kommt wieder: er beherrscht

Sowenig seinen Mund als seine Brust.

Leonore:

Ich sollte denken, wenn er sich von hier

Auf eine kurze Zeit entfernte, sollt

Es wohl für ihn und andre nützlich sein.

Antonio:

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Doch eben jetzt

Ist nicht daran zu denken: denn ich will

Den Fehler nicht auf meine Schultern laden;

Es könnte scheinen, daß ich ihn vertreibe,

Und ich vertreib ihn nicht. Um meinetwillen

Kann er an unserm Hofe ruhig bleiben;

Und wenn er sich mit mir versöhnen will

Und wenn er meinen Rat befolgen kann,

So werden wir ganz leidlich leben können.

Leonore:

Nun hoffst du selbst, auf ein Gemüt zu wirken,

Das dir vor kurzem noch verloren schien.

Antonio:

Wir hoffen immer, und in allen Dingen

Ist besser hoffen als verzweifeln. Denn

Wer kann das Mögliche berechnen? Er

Ist unserm Fürsten wert. Er muß uns bleiben.

Und bilden wir dann auch umsonst an ihm,

So ist er nicht der einz’ge, den wir dulden.

Leonore:

So ohne Leidenschaft, so unparteiisch

Glaubt ich dich nicht. Du hast dich schnell

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